Wintersportler auf einer Rodelpiste im Harz. Foto: dpa/Swen Pförtner

Schnee ist Glück, das manchmal über Nacht vom Himmel fällt. Das Mittelgebirge ein Sehnsuchtsort in diesem Pandemiewinter. Also los, aufstehen, anziehen, am besten alle siebenhundert Sachen packen, essen kann man später noch mal im Auto. Jetzt aber wirklich, jetzt aber schnell, wer weiß, ob es noch freie Parkplätze gibt.

Es ist schließlich Wochenende, andere Familien könnten auf dieselbe Idee kommen. Dann steht man wieder stundenlang im Stau, wird der schöne Schnee vielleicht zu Matsch, ehe man den Schlitten aus dem Kofferraum geholt hat. Und wenn man richtig Pech hat, reicht das Glück nur bis zur Mittelstation, wo die Klotür plötzlich verschlossen ist.

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Doch da, puh, und alle mal durchatmen, steht ja dieser Mann vor einem 650 PS starken Quad mit Raupenantrieb. Er trägt professionelle Winterkleidung, er sieht zuständig aus. Es ist nämlich dringend, sagt die Frau, die Älteste hat ihre Tage. Der Mann zuckt erst mit den Schultern, dann holt er trotzdem den Toilettenschlüssel. Als drei Jugendliche sich mal mit ihrem Audi quattro im Hang festgefahren hatten, gab er ihnen eine Schaufel. Aber schippen mussten sie schon selbst.

Der Mann heißt Fabian Brockschmidt, er ist der Betriebsleiter der Wurmbergseilbahn in Braunlage, Landkreis Goslar, hier verläuft die längste Skiabfahrt des Nordens, über vier Kilometer runter ins Tal. Und diese Frau, die weiß nach so vielen Corona-Monaten irgendwie auch nicht mehr, was sie mit ihren beiden Töchtern machen soll. Die sind nicht ausgepowert, sagt die Frau, hängen nur am Smartphone. Von Magdeburg, wo sie wohnen, ist es nur eine Stunde in den Westharz, wo sie Schlitten fahren wollen.

Die Schneehungrigen aus Hamburg und Berlin

Schnee ist offensichtlich ein triftiger Grund, nicht zu Hause zu bleiben in der Großstadt, wo immer mehr Decken auf immer mehr Köpfe fallen. Tagestouristen aus Hamburg, Hannover oder Braunschweig und natürlich auch aus dem schneehungrigen Berlin haben in den vergangenen Wochen immer wieder Berge und Täler gestürmt. Und sich auch mal die Freiheit genommen, auf Masken und Abstand oder gleich beides zu verzichten. Die überfüllten Hänge machten bundesweit Schlagzeilen.

Bis es den Kommunen im Harz zu viel wurde. An diesem Wochenende titelte die Goslarsche Zeitung: „Verbote, Kontrollen, Sperren: Der Harz wappnet sich“. Spoiler: Es hat funktioniert. Die Appelle der örtlichen Polizei und die teils flehenden Worte der Lokalpolitiker, doch bitte nicht in den Harz zu fahren, wurden erhört. Die entlang der B4 aufgestellten Absperrgitter kamen kaum zum Einsatz. Prognose: diesmal.

Sie sind ein Traum, sagt die Frau zum Abschied. „Wenn man mal in den Harz fährt …“, sagt Brockschmidt leise. Er meint es nicht böse. Er ist wie so viele hier darauf angewiesen, dass die Touristen kommen. Nur eben nicht jetzt. Nicht mitten im Lockdown, wenn sie ihr Geld nicht ausgeben dürfen, aber ansteckend sein könnten. Aktuell gibt es zwei aktive Corona-Fälle in Braunlage, bei einer Einwohnerzahl von rund 5000, Inzidenzwert 40. Brockschmidt sagt: „Wir hängen da alle gemeinsam drin, wir müssen da gemeinsam wieder raus, so sehe ich das.“

Zwiebelschmalzbrot oder Würstchen im Natursaitling

Der Wurmberg ist knapp 1000 Meter hoch. Ende Oktober fuhr die letzte Gondel auf den Gipfel, von dem man rübergucken kann auf den Brocken, wenn es nicht gerade so neblig ist wie heute. „Gondel, das ist Venedig“, verbessert Brockschmidt. „Das hier sind Kabinen.“ Jedenfalls herrscht hier seitdem Stillstand: Die Schneekanonen schweigen, die Pistenraupen stehen in der Garage, alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, keine Gaudi, nirgends – und die Toilette ist eigentlich auch geschlossen. Bis auf Weiteres.

Jens Koch war so nett, die Autositze vorzuheizen, die Rundfahrt kann beginnen. Die Straßen sind frei, die Bürgersteige leer, nichts los vor „Omas Hexenstübchen“, links geht es zum Restaurant mit dem programmatischen Namen „Das Vielleicht“, und vor dem Laden, der „Original Harzer Spezialitäten“ zum Mitnehmen verkauft, Zwiebelschmalzbrot oder Würstchen im Natursaitling, steht immerhin ein Kunde, am Fenster klebt ein trotziges „Wir bleiben geöffnet!“

Koch ist Vorsitzender des Wintersportvereins Braunlage, ein ehemaliger Vorspringer im Weltcup, der sich bei einem fiesen Sturz vor anderthalb Jahren die Rippen gebrochen hat und seitdem lieber auf dem Boden bleibt. Er arbeitet ehrenamtlich als Jugendtrainer, doch zurzeit ist nur die kleinste von vier Schanzen offen. Erlaubt sind immerhin Trainingshüpfer, damit die Kinder mal auf andere Gedanken kommen.

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Wettkämpfe haben schon lange nicht mehr stattgefunden. Mal abgesehen von den illegalen Touristenrennen, die in Ermangelung echter Schlitten mit vom Zaun gerissenen Planen ausgetragen werden. „Ich mache den Leuten grundsätzlich keine Vorwürfe“, sagt Koch. Er hat die Natur ja immer vor der Tür, kennt die Wege, die Tagestouristen nicht finden. Corona kann man dort ganz gut vergessen. Sein Verständnis hört erst dann auf, wenn jemand meint, seinen Allradantrieb am Aufsprunghang ausprobieren zu müssen.

Koch ist der einzige Werbetechniker in Braunlage. Will ein Restaurantbetreiber eine neue Speisekarte oder ein Hotelinvestor eine Baustellenabdeckung mit idyllischem Waldmotiv, schmeißt er die Maschinen an. Seine Arbeit hängt aktuell auch an vielen Ampelmasten: „Stopp! Hier gilt Maskenpflicht“. Im ansonsten leeren Schaukasten der geschlossenen Touristeninformation ist nachzulesen, welche Straßen und Plätze von der Maßnahme betroffen sind. „Hier herrscht Ausnahmezustand“, sagt Koch.

Einsatzkräfte der Polizei gehen über die Rodelpiste „Brockenblick“ am Nationalpark-Besucherzentrum Torfhaus im Harz. Foto: Swen Pförtner/dpa

In der Regel ist Braunlage ein quirliger Wintersportort mit 1,3 Millionen Übernachtungsgästen pro Jahr, die auch im Sommer gern wiederkommen. „Ruhige Wälder, klare Luft“, steht in der Ortsmitte. „Buchen Sie jetzt.“ In den vergangenen Jahren gab es einen Bauboom, alte Häuser wurden instand gesetzt, der über der Stadt thronende Betonklotz namens Maritim-Hotel ist längst nicht mehr die Topadresse.

Die Zeit davor lässt sich in aller Kürze so zusammenfassen: Investitionsstau seit den Achtzigern, plötzlich Wegfall der Zonenrandförderung; das in Niedersachsen gelegene Braunlage als Wendegewinner, weil die von drüben kamen; Braunlage als Wendeverlierer, weil die da drüben in Sachsen-Anhalt und Thüringen mehr zu bieten hatten. Erst mit dem Umbau der Wurmbergseilbahn vor 20 Jahren ging es wieder nach oben.

Koch hat in den Neunzigern in Berlin gelebt und dort gelernt, den Harz von außen zu betrachten. Er sagt: „Die Leute finden erst mal alles schlecht, was neu ist.“ Die Hirsche röhren nicht nur im Wald, sondern sitzen auch zu fest auf ihren Plätzen. Er wünscht sich, dass der Harz zur Einheit wird, sich gemeinsam vermarktet. Koch versteht nicht, warum in der Tourismusinformation in Braunlage kein Werbeprospekt für Wernigerode ausliegt. Ist doch nur eine halbe Autostunde durch den Wald.

Die verdammten Borkenkäfer

Schnee ist ein fantastischer Landschaftsmaler, und mit dick Deckweiß drauf fallen die vielen Lücken links und rechts der Straße kaum auf. Aber sie sind nun mal da. Erst wütete „Kyrill“, dann Orkantief „Friederike“ und nach zuletzt zwei heißen Sommern hat der Borkenkäfer die Fichten reihenweise abgeräumt. Diese verdammten Viecher kommen mit dem Westwind, nisten sich unter der Rinde ein und verdoppeln ihre Population innerhalb einer Woche.

„Da“, sagt Koch, er zeigt aus dem Fenster. „Und da waren vor ein paar Monaten noch überall Bäume.“ Jetzt liegt hier nur totes Holz, flattert ein Absperrband im Wind, ohne eine fünfköpfige Familie daran zu hindern, sich den Weg ins Winterwanderland zu bahnen. Die Polizei hat am vergangenen Wochenende verstärkt die Parkplätze in der Gegend kontrolliert und auch mal gesperrt. Aber die Reiterstaffeln konnten nicht überall gleichzeitig sein. Die erste Zwischenbilanz auf Twitter klang so: „Weniger Menschen und besser verteilt. Wir mussten bislang nur vereinzelt tätig werden.“ Später folgte: „Danke für die Unterstützung und euer Verständnis.“

Wenn die Fichten erst mal weg sind, macht die Sonne anderen Bäumen zu schaffen, was Koch nicht immer schlimm findet. Nicht auf dem Grundstück, wo irgendwann, wenn die Fördermittel bewilligt werden, eine neue Schanze entstehen könnte. Das Skispringen ist neben dem Walpurgisnachtfest eine verlässliche Einnahmequelle für die Kommune, für die vielen Gastwirte, die Ferienhausvermieter, die darauf warten, ihre bewährten Hygienekonzepte aus der Schublade zu ziehen.

Es folgte ein Sommer, der alle Erwartungen übertraf

Den ersten Lockdown im Frühling hat der gesamte Harz gut verkraftet, weil danach ein Sommer folgte, der alle Erwartungen übertraf. Die Deutschen entdeckten den Urlaub daheim, gingen wandern, fuhren Kanu, lernten das Bogenschießen in Braunlage, saßen abends in Biergärten, auf Terrassen. Von den Sommerreserven leben die Restaurantbetreiber und Gästehausanbieter im Winter. Doch wie geht es weiter?

Für Fabian Brockschmidt mit Existenzsorgen. Der Betriebsleiter der Wurmbergseilbahn, die in drei Schneemonaten das Geld für das gesamte Jahr erwirtschaften muss, steigt auf sein Quad und düst den Hang entlang zum Gipfel. Eine Routinerunde, er hat gerade nicht so viel zu tun, gleich ist er mit seiner Tochter zum Skilaufen verabredet. Auf halber Strecke stoppt er das Quad, steigt ab, schüttelt den Kopf, sammelt einen großen Plastiksack ein, der vor Kurzem noch als Rodelhilfe gedient haben muss.

Der Nebel wird dichter, die rodelnden Touristen mit jedem Höhenmeter weniger. Oben gibt es Kaffee zum Mitnehmen, aber weit und breit keinen Bedarf. Der Schnee ist unberührt und glatt wie eine weißes Papier, das darauf wartet, beschrieben zu werden. Doch Brockschmidt sagt einen Satz, der so gar nicht nach Neuanfang klingt: „Ich glaube nicht mehr an diesen Winter.“ Im Februar soll es wärmer werden. Schnee ist ein flüchtiges Glück.