Samson steht bei Dreharbeiten am Studio-Set der „Sesamstraße“.
Samson steht bei Dreharbeiten am Studio-Set der „Sesamstraße“. dpa/Christian Charisius

Es ist eine Erfolgsgeschichte, vor der manche gewarnt haben: Als am 8. Januar 1973 die „Sesamstraße“ erstmals in Deutschland ausgestrahlt wurde, boykottierte sie der Bayerische Rundfunk. „Kulturelle Überfremdung“ deutscher Kinder fürchtete der Sender durch die Multikultidarstellung mit dunkelhäutigen Schauspielern.

Die Worte aus Bayern gegen die „Sesamstraße“ fielen drastisch aus, über „pädagogische Infamie“ etwa wegen einer Verherrlichung des Lebens in der Mülltonne durch die Puppe Oscar schimpften die Programmverantwortlichen und hielten die „Sesamstraße“ viele Jahre vom Freistaat fern. Doch was mit zeitlichem Abstand unfassbar klingt, war nur die Zuspitzung einer tatsächlich größeren Debatte.

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Ernie und Bert waren dabei die Stars der „Sesamstraße“

Auch Pädagogen und Eltern aus anderen Landesteilen waren unsicher bis skeptisch, ob die in den USA von dem Puppenspieler Jim Henson ins Leben gerufene und vom Norddeutschen Rundfunk nach Deutschland geholte „Sesamstraße“ für den Nachwuchs taugt. Das oft anarchische Puppenspiel, das Erarbeiten von Buchstaben und Zahlen über permanente Wiederholung – Graf Zahl: „Ich liebe das Zählen bis zur Qual“ – und dazu die Einspielfilme mit realen Schauspielern waren eine Mischung, die zunächst niemand so richtig einordnen konnte.

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Die Schauspielerin Lilo Pulver und Samson in der Fernsehserie „Sesamstraße“.
Die Schauspielerin Lilo Pulver und Samson in der Fernsehserie „Sesamstraße“. Debertin/NDR/Norddeutscher Rundfunk

Vielleicht hätten es sich die Gelehrten aber nicht so kompliziert machen müssen. In einer Sonderausgabe der ARD-„Tagesthemen“ zur „Sesamstraße“ darf das Krümelmonster einen Kommentar sprechen. „Am Anfang der Folge vier, da habe ich einen Schokoladenkeks gegessen – der war lecker“, kommentierte Krümelmonster. Braucht es mehr im Leben?

Krümelmonster, Frosch Kermit, Grobi, die vogelähnliche Tiffy, Bibo, der von einem Menschen im Kostüm gespielte Bär Samson und natürlich Ernie und Bert sind die Figuren, die wohl jeder in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsene Erwachsene kennt.

Ernie und Bert waren dabei die Stars der Sendung. Hier der oberseriöse Bert, dort der chaotisch-alberne Ernie. Als Bert wegen eines tropfenden Wasserhahns nicht einschlafen kann, löst Ernie auf seine Art das Problem. Er stellt einfach so laut Musik an, dass sein Freund das Tropfen nicht mehr hören kann.

Am 8. Januar 2023 feiert die deutsche „Sesamstraße“ ihr 50-jähriges Jubiläum.
Am 8. Januar 2023 feiert die deutsche „Sesamstraße“ ihr 50-jähriges Jubiläum. dpa/Christian Charisius

Wie absurde Szenen einer Ehe wirkte das auch für erwachsene Zuschauer. Und tatsächlich reklamierte die Gay-Community Ernie und Bert irgendwann als das erste schwule Paar einer Kinderserie für sich. Da widersprachen allerdings die „Sesamstraßen“-Macher – denn ihre Puppen führen ein Leben ohne Sexualität.

Kernzielgruppe der „Sesamstraße“ sind Vorschulkinder

Der Norddeutsche Rundfunk frischte die „Sesamstraße“, die auf rund 2900 Folgen kommt, dabei immer wieder auf, unter anderem mit prominenten Schauspielern. Früher gab es Gastauftritte einer Inge Meysel und Dauerrollen eines Horst Janson oder einer Lilo Pulver. In jüngerer Zeit waren der inzwischen gestorbene Dirk Bach oder Annette Frier dabei. Und „Der, die, das, wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“, singt inzwischen Lena Meyer-Landrut.

Dass auch in 20 Jahren noch fast jedes heutige Kind sagen kann, es habe einmal die „Sesamstraße“ geguckt, ist allerdings fraglich. Schon lange ist die Sendung aus dem Vorabendprogramm verschwunden und läuft im Fernsehen nur noch frühmorgens. Online gibt es dafür verschiedene jederzeit abrufbare Kanäle. In der Kernzielgruppe der Vorschulkinder schaute im vergangenen Jahr gut jedes fünfte Kind die „Sesamstraße“.

Wer mit den eigenen Kindern gucken will oder seine eigene Kindheit zurückholen will, kann den YouTube-Kanal der Sendung nutzen. Aktuelle Folgen kommen nur auf einige Tausend Aufrufe. Dafür sind alte Lieder der Renner.

Das zum Jubiläum passende „Hätt’ ich dich heut’ erwartet, hätt’ ich Kuchen da“, kommt auf drei Millionen Klicks. Der größte „Sesamstraßen“-Hit ist online aber „Mahnah Mahnah“ – 38 Millionen Mal wurde das Lied geklickt.