Zum wiederholten Mal demonstrierten im April 2020 Tausende Corona-Leugner gegen die Beschränkungen in der Pandemie in Berlin.  Foto: imago images/Jochen Eckel

Jemand erklärte mir vor einigen Tagen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 gar nicht existiere. Ein anderer behauptete nach seiner Internet-Recherche, dass keine Pandemie vorliege. Dies sei alles nur Panikmache! Es sind nicht wenige, die so denken. Woher kommt so etwas?

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Die Existenz einer Pandemie kann niemand mehr leugnen, der noch bei Verstand ist. Unzählige Länder weltweit – mit Politikern aus höchst unterschiedlichen Lagern – mussten sich wohl oder übel dieser Wahrheit stellen. Diese besteht darin, dass ein pandemisches Geschehen – auch mit vielen symptomlosen und milden Verläufen – eine solche Dynamik annimmt, dass ohne Gegenmaßnahmen die Folgen dramatisch sind. Jüngst konstatierte auch der schwedische König das Scheitern des „Sonderwegs“ seines Landes.

Immer mehr Menschen müssen die Erfahrung machen, dass diese Pandemie sie persönlich angeht. Hier Beispiele aus dem eigenen, engeren Umfeld: Die Mutter einer guten Freundin, gestorben an Covid-19 Anfang Januar nach zwei Wochen auf der Intensivstation. Eine andere Freundin brauchte acht Wochen, um sich zu erholen. Ihre Lehrerkollegin von der gleichen Schule leidet noch immer unter Lungen- und Beinthrombosen infolge der Infektion.

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Und trotzdem glauben einer Studie zufolge noch immer 15 Prozent der Deutschen, dass es bislang „keine eindeutigen Beweise für die Existenz des Virus gibt“. Sind dies alles „Corona-Leugner“, „Wirrologen“ und „Schwurbler“, wie sie mitunter genannt werden? Das wäre zu einfach. Denn es sind auch kluge, kritische Leute darunter. Aber viele Menschen neigen dazu, Behauptungen eher zu glauben, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechen (Bestätigungsfehler) und das eigene Wissen zu überschätzen (Dunning-Kruger-Effekt). Hinzukommen sicher auch Angst, die Sorge vor den Folgen des Lockdowns sowie grundlegende Skepsis, etwa gegenüber „der Politik“ und „der Konzerne“.

Zu kritisieren gibt es tatsächlich genug, zum Beispiel an der praktischen Politik, der Evidenz für bestimmte Regeln, der Ausstattung von Kliniken und Pflegeheimen oder der Risikokommunikation. Wirklich aktive „Schwurbler“ aber betreiben keine konstruktive Kritik, sondern Irreführung. Das größte Problem sind dabei nicht einmal die knallharten Leugner. Nein, es sind einige selbst ernannte „Experten“, die behaupten, ganz allein die Wahrheit zu sagen – gegen eine angebliche Welt von Lügen und Täuschungen. Mit ihren Texten und Videos im Internet beeinflussen sie Hunderttausende Menschen.

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Ihr Tun wirkt hochwissenschaftlich. Schaut man aber genauer hin, sieht man: Mit Wissenschaft hat das nicht viel zu tun. Denn was nicht in den Kram passt, wird einfach ignoriert. Zum Beispiel wird noch immer behauptet, dass „nur“ Alte und Vorgeschädigte ernsthaft von Covid-19 bedroht seien und dass dies keine neue, eigenständige Krankheit sei. Die vielfältigen Untersuchungen zum Multiorganvirus Sars-CoV-2 und zu Long-Covid werden dabei einfach übergangen. Sie zeigen unter anderem, dass auch viele Jüngere betroffen sind, zum Beispiel von gravierenden Langzeitfolgen auch bei milderen Verläufen von Corona.

Mancher behauptet auch immer noch, das pandemische Virus Sars-CoV-2 sei nie isoliert oder nachgewiesen worden. Dabei kann jeder, der es wissen will, viele Studien dazu finden. Wie auch zur Verbreitung des Virus, seinen Mutationen, den Ansätzen für Therapien. Ebenso gibt es noch immer die Behauptung, dass die meisten Menschen durch den Kontakt mit anderen Viren effizient vor Sars-CoV-2 geschützt seien. Kein Wort über die widersprüchliche Studienlage zur Kreuzimmunität. Kein Wort darüber, dass Ergebnisse neuerer Untersuchungen einen Immunschutz durch den früheren Kontakt mit anderen Coronaviren sogar ganz infrage stellen. Dies nur als Beispiele.

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Hunderte Studien unzähliger Forscher und Mediziner auf der Welt werden ignoriert. Das ist nicht wissenschaftlich, das ist Scharlatanerie. Sie verwirrt Tausende, nährt die Pandemie-Leugnung und gefährdet damit viele Menschen. Wer sich wirklich orientieren will, sollte Collagen aus Halbwahrheiten, Behauptungen und Übertreibungen meiden. Er sollte nach Berichten über Original-Studien suchen oder nach Beiträgen, die Zusammenhänge darstellen und Risiken angemessen einordnen. Übrigens auch, was Impfungen betrifft. Hier wird zurzeit viel Panik verbreitet.

Wirkliche Experten lernen dazu. Sie korrigieren sich, wenn neue Ergebnisse kommen. Sie versuchen, stets auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wer das nicht kann oder will, der sollte einfach schweigen!