Die Isolierstation in einem Krankenhaus dpa/Jens Büttner

Die Affenpocken machen Europa nervös. Mit einem schnellen Ende der Infektionswelle rechnen Experten schon längst nicht mehr.

In Deutschland wurden dem RKI zufolge bis Dienstag fünf Fälle gemeldet - aus den Bundesländern waren bis Montag allerdings bereits sechs Fälle bekannt. Am Dienstag stieg die Zahl weiter: Die Stadt Köln meldete drei weitere bestätigte Fälle. In Hessen gab das für Gesundheit zuständige Sozialministerium einen nachgewiesenen Fall in Frankfurt am Main bekannt. In Bayern stieg die Zahl der bestätigten Fälle von einem auf drei. Behörden suchen nach Kontaktpersonen der Infizierten. Infizierte sollen laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in Deutschland für mindestens 21 Tage in Isolation.

Experten: „So haben wir das noch nicht gesehen“

Aber dabei wird es nicht bleiben. In Nachbarländern beginnt man schon, die Menschen zu impfen und legt extrem lange Quarantänezeiten fest. Amerikanische Virologen nennen den Anstieg neuer Fälle „astronomisch“. Auch afrikanische Experten sind beunruhigt: „So haben wir das noch nicht gesehen.“ Europa müsse das untersuchen. „Aufgrund der vielfältigen Kontakte der derzeit Infizierten ist in Europa und auch in Deutschland mit weiteren Erkrankungen zu rechnen“, heißt es in einem Bericht für den Gesundheitsausschuss des Bundestages.

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Affenpocken: Mehr als 100 Fälle weltweit

Weltweit sind es inzwischen mehr als 100 bestätigte Fälle. Weil die Inkubationszeit bis zu drei Wochen lang ist, glauben Experten, dass es eine Vielzahl von weiteren Meldungen in den nächsten Wochen geben wird.

Mit Affenpocken Infizierte sollen in Deutschland für mindestens 21 Tage in Isolation. Zudem müssten die Symptome ausgeheilt sein, bevor die Maßnahme beendet werden könne, sagte Bundesgesundheitsminister  Lauterbach am Dienstag am Rande des Ärztetags in Bremen. Auch für Kontaktpersonen von Infizierten gelte die „dringende Empfehlung“, sich für 21 Tage in Quarantäne zu begeben.

Lauterbach: Virus soll sich nicht einnisten

Es gehe darum, ein frühes Ausbruchsgeschehen „in den Griff“ zu bekommen, damit sich der Erreger beim Menschen „nicht einnistet“, sagte Lauterbach. Zugleich betonte er, es handle sich nicht um den Beginn einer neuen Pandemie. Ausbrüche dieser Viruserkrankung habe es schon sehr häufig gegeben. Die Infektion sei unter anderem durch gute Kontaktnachverfolgung gut in den Griff zu bekommen, sagte der Minister. Auch laut dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, wird die Gefährdung für die allgemeine Gesundheit durch das Affenpockenvirus „als gering eingeschätzt“.

Allerdings solle das Affenpockenvirus ernst genommen werden, mahnte Lauterbach. „Wir wissen nicht, warum die Ausbrüche so anders verlaufen wie in Vergangenheit.“ Womöglich habe sich der Erreger verändert - oder die Anfälligkeit des Menschen für das Virus habe sich verändert.

Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA hatte am Montag als empfohlene Quarantänezeit für enge Kontaktpersonen von Infizierten ebenfalls drei Wochen festgesetzt. In England waren die ersten Fälle in Europa aufgetreten. Vermutlich kam es aus Nigeria auf die Insel. Belgische Behörden ordneten eine 21-tägige Isolation für Infizierte an. Kontaktpersonen werden aufgefordert, besonders vorsichtig zu sein.

Deutschland bestellte bis zu 40.000 Dosen Impfstoff

Deutschland bestellte Lauterbach zufolge „bis zu 40.000 Dosen“ eines Impfstoffs, der in den USA gegen Affenpocken zugelassen sei und auch in Deutschland verwendet werden könnte. Der Impfstoff könne eine Ansteckung verhindern oder einen Ausbruch verzögern, sagte Lauterbach. Es sei aber noch nicht klar, ob der Impfstoff eingesetzt werden müsse.

Gruselig: Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im März 2021 haben Experten ein Szenario zum Ausbruch biologisch manipulierter Affenpocken simuliert. Als ausgedachte Zeit des Ausbruchs in dem theoretischen Fall nahmen sie den Mai 2022.

In Großbritannien gilt als Kontaktperson mit hohem Risiko für eine Ansteckung, wer im Haushalt mit einer erkrankten Person lebt, mit einer solchen Geschlechtsverkehr gehabt oder deren Bettwäsche ohne Schutzkleidung gewechselt hat, teilten die Behörden mit. Diese Gruppe soll demnach auch eine schützende Pockenimpfung erhalten.

Pockenkrankheit gilt als ausgestorben

Für die laufenden Impfungen wird der UKHSA zufolge ein Vakzin der „dritten Generation“ gegen die als ausgestorben geltende Pockenkrankheit beim Menschen verwendet. Experten gehen davon aus, dass solche Pockenimpfstoffe auch gegen die Affenpocken gut schützen.

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Grafik: A. Brühl/dpa

Wird eine Impfung auch bei uns empfohlen?

Auch in dieser Frage, hat sich Deutschland noch nicht entschieden. Ob eine Pockenimpfung für Risikogruppen empfohlen werde, sei noch Gegenstand der fachlichen Abklärung, heißt es in einem Bericht des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). In der Bundesrepublik sei eine solche Impfung bis 1975 für Einjährige Pflicht gewesen, in der DDR sei die Impfpflicht 1982 aufgehoben worden.

Bisher sei bei den in Europa festgestellten Infektionen die westafrikanische Variante nachgewiesen worden, hieß es vom Ministerium. Erkrankungen mit dieser Variante gelten als milder verlaufend als die mit der zweiten beim Menschen kursierenden, der zentralafrikanischen Variante. Die bisher weltweit erfassten Infektionen betreffen derzeit in erster Linie Männer, die Sex mit anderen Männern hatten. Eine Übertragung ist aber generell bei engem Kontakt und über kontaminierte Materialien möglich.

Das Affenpockenvirus unter dem Mikroskop dpa/RKI/Andrea Männel

„Aktuell scheinen die Risikoexpositionen vorwiegend sexuelle Kontakte unter Männern zu sein“, hieß es vom BMG. „Expositionsorte der in Deutschland bislang bekanntgewordenen Fälle waren Party-Veranstaltungen, unter anderem auf Gran Canaria (Spanien) und in Berlin, bei denen es zu sexuellen Handlungen kam.“

Meist nur milde Symptome

Anfang Mai war ein Affenpocken-Fall in Großbritannien nachgewiesen worden – Experten zufolge kursierte der Erreger da aber wohl bereits in vielen Ländern. Das Virus verursacht nach Angaben von Gesundheitsbehörden meist nur milde Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und Hautausschlag. Affenpocken können aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen, in Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Folgen einer überstandenen Infektion können Narbenbildung und selten auch Erblindung sein.

Auch in den Jahren zuvor hatte es in westlichen Ländern Affenpocken-Fälle gegeben – allerdings nur vereinzelt und hauptsächlich auf Ansteckungen in Afrika zurückgehend. Bei den nun erfassten Fällen handelt es sich inzwischen um Infektionsketten innerhalb westlicher Länder. Wo die Ursprünge der aktuellen Infektionswelle lagen, ist bisher noch weitgehend unklar.