Kane Tanaka an ihrem 117. Geburtstag im Januar 2020. Foto: Imago Images

Der schönste Geburtstag, den sie sich hätte vorstellen können, war es nicht. Das gesamte vergangene Jahr über konnte Kane Tanaka ihre Familie kaum treffen. Die Besuchszeiten in ihrem Seniorenheim in der südwestjapanischen Stadt Fukuoka sind angesichts der Pandemie schon lange streng reglementiert. Nur ihre Mitbewohner waren bei ihr. Die immerhin waren gute Partygäste. Als das Geburtstagskind forderte: „Klatscht für mich!“, spendeten lauter Senioren freudigen Beifall.

Wie sollte es auch anders sein? Inmitten der Corona-Pandemie, deren hässliches Gesicht sich nicht zuletzt in täglich steigenden Todeszahlen offenbart, wirkt diese alte Dame so frisch, als wäre nichts gewesen. Kane Tanaka ist am 2. Januar 118 Jahre alt geworden – als dritte verifizierte Person der Geschichte hat sie dieses biblische Alter erreicht. Der älteste lebende Mensch der Welt ist sie schon seit Juli 2018. Vom Coronavirus zeigt sie sich unbeeindruckt. „Ich bin gesund“, ist eine ihrer häufigsten Antworten, die sie auf diverse Fragen von Journalisten gibt. Die Pandemie will sie einfach aussitzen.

Wer Tanaka fragt, wie sie so alt werden konnte, erhält eine typische Erklärung, die auch andere Senioren sowie Wissenschaftler häufig geben: das mentale und körperliche Fithalten in Form von täglicher Aktivität. Kane Tanaka macht jeden Tag Rechenübungen und spielt regelmäßig das strategische Brettspiel Reversi. Ein weiteres Ritual, dessen Effekt strittig ist: Sie isst gern Schokolade und trinkt Cola. Zumindest bringen diese Freuden die Frau zum Lachen, und eine positive Lebenseinstellung gilt wiederum als besonders wichtig für Langlebigkeit.

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Kane Tanaka ist im vergangenen Jahr nicht nur durch ihr schieres Überleben zu einem besonderen Vorbild geworden. Auch mit ihrem ruhigen Ausharren gibt sie in einem Land, das zunehmend unzufrieden mit seiner Regierung ist, den Ton vor. Diese vertraut in ihrer Corona-Politik nämlich auf freiwillige Kooperation der Bevölkerung, scharfe Verbote werden auch deshalb kaum erteilt, weil ohne sie weniger Entschädigungszahlungen an Betroffene fließen müssen. Während der Großteil der Bevölkerung den offiziellen Aufrufen zur „Selbstbeherrschung“ geduldig folgt, machten zuletzt insbesondere junge Menschen Schlagzeilen durch ihr Ausscheren.

Zwar ist Japan im internationalen Vergleich mit rund 250.000 Infektionsfällen und weniger als 4000 Toten nur relativ leicht von der Pandemie getroffen. Allerdings steckt das Land seit einigen Wochen in seiner dritten Infektionswelle, mit der sich die Fallzahlen in etwa verdoppelt haben. In den Metropolregionen steht das Gesundheitssystem kurz vor seinen Kapazitätsgrenzen. So befindet sich Japan derzeit kurz vor der nach Mai 2020 zweiten Erklärung eines coronabedingten Ausnahmezustands.

Jeder Geburtstag ein Ereignis: Kane Tanaka mit dem Kuchen zu ihrem 116. Ehrentag. Foto: Imago Images

Kane Tanaka versprüht dagegen reichlich Frohsinn. Wenn Journalisten sie in ihrem Seniorenheim besuchen, sitzt sie nicht selten schon mit beschriebenen T-Shirts da. Als sie letztes Jahr einen neuen Rekord aufstellte und zum ältesten in Japan bekannten Menschen wurde, stand darauf: „Feier! Japans Alters-Nummer eins“. In die Kamera zeigt sie, wenn auch mit mittlerweile tattrigen Händen, gern das Victoryzeichen. Schokolade lässt sie sich häufig vom Pflegepersonal zum Mund führen. Wenn sie gerade etwas sagen will, spricht sie allerdings auch mit vollem Mund. Das darf man wohl als Älteste im Haus.

Tanaka gibt aber nicht nur in ihrem Seniorenheim die Frohnatur, sondern auch über einen Twitteraccount, der vermutlich von einem ihrer Enkel oder Urenkel verwaltet wird. Als Tanaka im September besagten Altersrekord feierte, wurde jedenfalls in ihrem Namen getwittert: „Endlich, endlich! Ich bin Japans Nummer eins! Wenn nicht Corona wäre, könnte man sich jetzt treffen. Aber Zeitungen und Internet haben über mich berichtet!“ Nachdem ihr Coca-Cola Ende November eine Reihe eigens mit ihrem Namen bedruckter Colaflaschen geschenkt hatte, lud Tanaka ein Fotoshooting hoch. Und zu ihrem 118. Geburtstag ließ sie die Welt wissen: „Es geht mir gut. (…) Es ist Wahnsinn, dass ich noch schreiben kann!“

1903, im selben Jahr, als Kane Tanaka mit dem Nachnamen Ota zur Welt kam, brachten die US-amerikanischen Wright-Brüder erstmals ein Flugzeug zum Fliegen. Kane war das siebte Kind ihrer Eltern, kam als Frühgeburt zur Welt und konnte laut japanischem Guinnessbuch keine Muttermilch trinken. Dennoch wuchs sie gesund auf, heiratete 1922 im Alter von 19 Jahren und brachte selbst vier Kinder zur Welt. Sie adoptierte außerdem die Tochter einer ihrer Schwestern.

Als ihr Mann Hideo 1937 in den Krieg ziehen musste, begann sie neben der Hausarbeit auch das Familiengeschäft, einen Laden für süße Reiskuchen und Nudeln, zu managen. Hideo Tanaka starb 1993 im Alter von 91 Jahren, nach mehr als 70 Jahren Ehe mit Kane. Diese hörte erst mit 80 Jahren mit der Arbeit in ihrem Blumengeschäft auf, das sie zehn Jahre zuvor gegründet hatte. Mit 90 wurde Tanaka noch am Auge operiert, mit 103 wurde ihr ein Darmkrebsgeschwür entnommen. Seitdem geht es ihr wieder gut, heißt es. Vor der Pandemie kam ihr noch lebender, 61-jähriger Enkel Eiji oft zu Besuch.

Superalte in Japan

In keinem Land der Welt kommt es so häufig vor, dass Menschen mindestens 100 Jahre alt werden. Rund 79.000 sind es derzeit in Japan, ein Bevölkerungsanteil von 0,062 Prozent. Gerade die älteren Menschen ernähren sich in der Regel mit viel Reis, Gemüse und Fisch und sind körperlich aktiv.

So wird diese Gruppe von Superalten auch rasant größer. Vor fünf Jahren waren es noch kaum 60.000, der Zuwachs entspricht einem Jahreswachstum von rund sieben Prozent. Das ist insbesondere in Japan bemerkenswert, da die Bevölkerung insgesamt seit einigen Jahren schrumpft. Einerseits ist dafür die niedrige Geburtenrate verantwortlich, andererseits die in einer alternden Gesellschaft steigenden Sterbezahlen.

Corona scheint in Japan, jenseits der tödlichen Seite, auch zu einer Umkehr eines jahrelangen Trends geführt zu haben. Ende Dezember kamen Statistiken für die ersten zehn Monate des Jahres heraus, die zeigen, dass deutlich weniger Menschen gestorben sind als im Jahr zuvor. Vor allem an Lungenentzündungen, Herzkrankheiten und Grippe kamen weniger Menschen ums Leben, was vor allem durch das nun deutlich vorsichtiger gestaltete Alltagsleben erklärt wird. Somit wird im alternden Japan wohl ausgerechnet das Pandemiejahr dafür gesorgt haben, dass erstmals seit elf Jahren nicht mehr Menschen als im Vorjahr gestorben sind.

Vorbild hierfür ist einmal mehr Kane Tanaka, die sich an alle coronabezogenen Empfehlungen und Appelle der Regierung halten will. Sterben kann sie ohnehin noch nicht, sagt sie. Ehe die Olympischen Spiele von Tokio im vergangenen März um ein Jahr verschoben wurden, war sie als Fackelträgerin für ihre Region im Südwesten des Landes eingeplant. Mit der Verschiebung auf diesen Sommer will sie – im Rollstuhl geschoben und die Fackel hochhaltend – einen erneuten Versuch antreten. Aber ob Olympia nun stattfindet oder nicht, hat auf ihr mittelfristiges Lebensziel keine Auswirkungen. Sie sagt: „Ich will 120 Jahre alt werden!“