Schneestürme, extreme Minustemperaturen und eine einsame Strecke durch die Wildnis von Alaska - über 1800 Kilometer lang: zurecht hat das Iditarod den Ruf als das härteste Schlittenhunderennen der Welt weg. Sebastian Schnülle/privat/dpa

Schneestürme, extreme Minustemperaturen und eine einsame Strecke durch die Wildnis von Alaska - über 1800 Kilometer lang: zurecht hat das Iditarod den Ruf als das härteste Schlittenhunderennen der Welt weg. An diesem Wochenende gehen 49 Musher, darunter 17 Frauen, mit ihren Hundegespannen an den Start. „Es ist eines der letzten großen Abenteuer“, sagt der Deutsche Sebastian Schnülle im dpa-Interview. Der gebürtige Wuppertaler, in Ostfriesland aufgewachsen, kennt es aus eigener Erfahrung. Seit 2005 war er sieben Mal dabei. 2009 schaffte er die Strecke von Anchorage bis Nome in zehn Tagen und fünf Stunden - und ging damit als Zweiter durchs Ziel.

Die meisten Teilnehmer sind gebürtige Alaskaner, nur eine Handvoll Ausländer - in diesem Jahr aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Frankreich - trauen sich das harte Abenteuer zu.

Iditarod ist das härteste Schlittenhunderennen der Welt

Was ist das Schwierigste daran? „Mit Abstand der Schlafentzug“, sagt Schnülle ohne eine Sekunde zu zögern. Denn nach rund sechs Stunden Fahrt dürfen die Hunde pausieren, doch für den Musher geht die Arbeit weiter. „Man ist Koch, Masseur und muss sich um alles kümmern“, erzählt der 51-jährige Wahl-Kanadier. Das Futter für die Hunde wird zubereitet, deren Gelenke und Pfoten massiert, die Schuhe der Tiere müssen gewechselt werden. Für die Schlittenlenker bleibt kaum Zeit zum Schlafen. Dann geht es schon zum nächsten Checkpoint weiter.

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Sebastian Schnülle (51) mit einem Schlittenhund bei einem Schlittenhunderennen im US-Bundesstaat Wyoming. Der gebürtige Wuppertaler Schnülle lebt seit 1996 in Kanada. Sebastian Schnülle/privat/dpa

Als Musher ist Schnülle nun im Ruhestand, doch als Rennrichter ist er bei dem Wettbewerb weiter dabei. Wegen Corona war das Rennen im vorigen Jahr verkürzt worden, einige Ortschaften wurden umfahren. Doch in diesem Jahr - dem 50. Jubiläum - geht es wieder auf die traditionelle Strecke bis ins entlegene Nome an der Beringsee, ein Ort, der nur per Schiff oder Flugzeug, aber nicht mit dem Auto zu erreichen ist.

Das Iditarod-Rennen verdankt seinen Namen einem alten Pfad, der seit Ende des 19. Jahrhunderts entlegene Goldgräber- und Hafenorte im hohen Norden verband - durch menschenleere Tundren, dichte Wälder und über vereiste Flüsse hinweg. Berühmt wurde die Strecke 1925, als eine Diphterieepidemie vor allem die Kinder der Ureinwohner in Nome bedrohte. Musher transportierten damals rettendes Serum in den entlegenen Ort.

Berühmt wurde die Strecke 1925

1973 ging es um eine andere Rettungsaktion. „Damals wurden die Schlittenhunde in den Orten immer mehr von motorisierten Schneemobilen verdrängt“, erzählt Chas St. George, Mitglied im Iditarod-Vorstand. Um die Tradition zu retten, riefen eine Handvoll Musher das Rennen ins Leben. Das erste Iditarod war reine Männersache, der Sieger brauchte 20 Tage.

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Aliy Zirkle, US-amerikanische Hundemusherin, mit ihren Hunden auf dem Weg nach Shaktoolik. Sebastian Schnülle/privat/dpa

„Das hatten wahren Expeditionscharakter“, sagt Schnülle. Mit leichterer Ausrüstung, besserem Futter und schnelleren Hunden habe sich der Wettbewerb nun „komplett“ verändert. 1985 gewann die 29 Jahre alte Libby Riddles als erste Frau das Rennen - in 18 Tagen. Inzwischen liegt der Streckenrekord bei gut acht Tagen.

Doch das Motiv, warum Musher diese Strapazen auf sich nehmen, ist für Schnülle gleichgeblieben: „Es ist die Liebe zu den Hunden und zum Abenteuer“, sagt der Deutsche. Er studierte Umwelttechnik in Deutschland, als er auf einer Reise in Kanada seine erste Hundeschlittentour mitmachte. Wenig später, mit 26 Jahren, wanderte er nach Yukon aus.

Der Streckenrekord liegt bei acht Tagen

Dort gründete er seine eigene Hundeschlittenfirma, scheiterte allerdings „kläglich“ bei seinem ersten langen Rennen, dem Yukon Quest, gibt Schülle lachend zu. Doch langsam lernte er dazu. Bei seinem ersten Iditarod im Jahr 2005 lag er abgeschlagen auf dem 38. Platz - doch da habe er „Blut geleckt“, sagt Schnülle. Im Sommer bot der vollbärtige Wahl-Kanadier auf Gletschern in Alaska Touren für Touristen an, im Winter trainierte er für die Rennen.

Der Hundeschlitten von Bridgett Watkins wurde während eines Iditarods-Training Anfang Februar von einem Elch angegriffen. Bridgett Watkins/AP

Der Sport sei sehr teuer geworden, mit rasant steigenden Kosten für Hundefutter und Ausrüstung, lamentiert Schnülle. 2018 gab er die Schlittentouren auf, eine wirtschaftliche Entscheidung, die auch mit Klimawandel zu tun hatte. Eine kürzere Saison im Eis, ein höheres Risiko durch gefährliche Gletscherspalten.

Am Polarkreis wird es wärmer und das macht auch den Iditarod-Teilnehmern in den letzten Jahren zu schaffen. Wegen Schneemangel musste schon mal die Strecke weiter nach Norden verlegt werden. „In diesem Jahr haben wir genug Schnee, aber der Klimawandel ist eine große Sorge, es gibt mehr extreme Stürme“, sagt Chas St. George. 2019 sei bei stürmischem Wetter das Eis am Meeresrand eingebrochen. Es müssten häufig mehr Eisbrücken gebaut werden, damit die Musher die Strecke abfahren können.

Schnülle, der in der Yukon-Wildnis naturverbunden in einer Holzhütte lebt, gerät schnell ins Schwärmen. Mit den Iditarod-Rennen habe er sich ein „Lebensabenteuer“ erfüllt. Dort erlebe man Kameradschaft, nicht nur mit den anderen Schlittenlenkern und den Dorfbewohnern, auch mit den Hunden, die wie Partner ans Herz wachsen. „Da liegt man im Sturm in einem Schlafsack, mitten im Nichts, und man ist absolut im Hier und Jetzt“, beschreibt Schnülle den Reiz des Extrem-Sports.