Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung am Tatort in Salzgitter. dpa/Julian Stratenschult

Die unfassbare Tat von Salzgitter wirft Fragen auf: Was veranlasst zwei Schüler, ein 15-jähriges Mädchen zu töten? Immer mehr Details kommen zum Vorschein, doch die beiden Jugendlichen schweigen. Währenddessen schießen die Gerüchte ins Kraut – die Polizei sieht sich veranlasst, vor falschen Verdächtigungen in sozialen Netzwerken zu warnen.

Salzgitter: Polizei warnt vor Selbstjustiz und falschen Verdächtigungen in sozialen Medien

Zwei Jugendliche haben eine 15-jährige Mitschülerin in Salzgitter (Niedersachsen) umgebracht, doch die beiden Tatverdächtigen schweigen. „Die beiden mutmaßlichen Täter haben keine Angaben gemacht“, sagte Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Wegen Mordverdachts sitzt ein 14 Jahre alter Junge mittlerweile in Untersuchungshaft. Ein 13-Jähriger kann als weiterer Verdächtiger nicht strafrechtlich verfolgt werden, weil er strafunmündig ist.

Die Staatsanwaltschaft ist sicher: Es war Mord, und zwar ein besonders heimtückischer. Zwischen Opfer und Tätern soll eine tiefe Feindschaft bestanden haben, doch zu genaueren Beweggründen gibt es vor allem wilde Gerüchte in den sozialen Medien. Die Polizei von Salzgitter nahm Stellung zu Bildern und Videos in sozialen Netzwerken, auf denen angeblich Täter zu sehen sein sollen. Darunter die üblichen Hasskommentare. Tatsächlich würden die Abbildungen Unbeteiligte zeigen, so Polizeisprecher Matthias Pintak gegenüber dem NDR. Es würden „gewisse Leute“ vorverurteilt, „obwohl sie in keinem Zusammenhang mit der schrecklichen Tat in Salzgitter stehen“. Das könne strafbar sein. Ausdrücklich warnte der Sprecher vor möglicher Selbstjustiz.

Salzgitter: Beide Tatverdächtige sind Deutsche – wilde Gerüchte über Familienhintergrund

Die Ermittlungen zu der Tat in der niedersächsischen Stadt wurden am Donnerstag fortgesetzt und werden Christian Wolters von der Braunschweiger Staatsanwaltschaft zufolge noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Beamte hatten den Leichnam der 15-Jährigen am Dienstag in einer Grünanlage in Salzgitter-Fredenberg entdeckt. Angehörige hatten das Mädchen am Sonntagabend bei der Polizei als vermisst gemeldet.

Das Obduktionsergebnis habe ergeben, dass das Mädchen erstickt sei, sagte Wolters. Als Todesursache nannte er Sauerstoffmangel. Wie genau es zu dem Erstickungstod kam und was sich am Sonntag in den Abendstunden in Fredenberg abspielte, muss noch geklärt werden. Bekannt ist, dass die Verdächtigen, beide sind Deutsche, und das Opfer aus demselben Viertel kommen, auf dieselbe Schule gingen und auch Kontakt miteinander hatten. Von Medien wurden Gerüchte aufgegriffen, denen zufolge die Täter aus russisch-deutschen Familien stammen sollen, angeblich sei das Opfer ukrainisch – dafür gab es aber keine Bestätigung.

Das Opfer von Salzgitter war wehrlos: Staatsanwaltschaft sieht sehr niedrige Beweggründe

Auch zum genauen Tathergang halten sich die Ermittler weiter bedeckt. Auf die Frage, wie die beiden Verdächtigen so schnell in den Fokus gerieten, äußerte sich die Staatsanwaltschaft zunächst nicht. Die Bild-Zeitung hatte von einem weiteren Jugendlichen berichtet, der angeblich am Tatort gewesen und wohl Zeuge der Tat gewesen sein soll. Auch dafür gab es zunächst keine Bestätigung.

Genaueres zu der Beziehung zwischen Opfer und mutmaßlichen Tätern müsse noch ermittelt werden, sagte Wolters. Die Staatsanwaltschaft gehe von einem Mord aus und sehe niedrige Beweggründe. Die Tat sei ersten Erkenntnissen zufolge heimtückisch erfolgt, weil die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt worden sei. „Es passierte nicht spontan“, sagte Wolters.

Mit Blick auf den jüngeren Tatverdächtigen sei alles weitere Sache des Jugendamts, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der 13-jährige gelte zwar als dringend tatverdächtig, ist aber strafunmündig und könne daher nicht strafrechtlich verfolgt werden. Die Rolle des 13-jährigen werde aber weiter untersucht, allerdings nur mittelbar im Zuge der Ermittlungen gegen den 14 Jahre alten Beschuldigten.

13-jähriger Tatverdächtiger von Salzgitter strafunmündig: Entscheidung zu Zwangsunterbringung in Kürze

Für den 13-Jährigen kommt laut Staatsanwaltschaft unter anderem die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung in Betracht. „Eine Zwangsunterbringung ist nur durch familiengerichtlichen Beschluss zulässig“, hatte der Jugenddezernent in Salzgitter, Dirk Härdrich, nach dem Bekanntwerden der Tat aber betont. Mit einer Entscheidung dazu werde in Kürze gerechnet, sagte ein Stadtsprecher am Donnerstag.

In der betroffenen Schule hat der tragische Fall zu tiefer Betroffenheit und extremer Belastung geführt, wie die Landesschulbehörde auf Anfrage mitteilte. „Die Situation ist für alle in der Schule schwierig und nur schwer zu glauben“, sagte Sprecherin Bianca Trogisch. Ein regionales Krisen- und Notfallteam unterstütze die Schule derzeit intensiv dabei, mit den Geschehnissen umzugehen. Schon am Mittwoch waren Notfallpsychologen vor Ort. Am Donnerstag sei der Fachunterricht weitgehend wieder aufgenommen worden.