Am 22. Juli 2011 ermordete Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen. Matt Dunham/AP

„Ob der 22. Juli Norwegen verändert hat?“ Kamzy Gunaratnam schüttelt mit dem Kopf und bringt damit ihre schwarzen Locken in Bewegung. „So leicht ist das nicht“, sagt die 33-Jährige bestimmt. „Wir haben uns das Versprechen gegeben: Nie wieder 22. Juli. Wir haben einander versprochen, niemals zuzulassen, dass sich ein solcher Hass ausbreitet. Und dieses Versprechen haben wir nicht gehalten.“

Schlimmste Gewalttat in der Geschichte Norwegens

Am 22. Juli ist es zehn Jahre her, dass Norwegen die schlimmste Gewalttat seiner Geschichte seit dem zweiten Weltkrieg erlebte. Der Terrorist Anders Behring Breivik zündete im Osloer Regierungsviertel eine selbstgebaute Bombe und tötete damit acht Menschen. Anschließend fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr jährliches Zeltlager veranstaltete. Er schoss wahllos auf die Teilnehmer und nahm 69 überwiegend jungen Menschen das Leben.

Anders Behring Breivik vor Gericht. Hakon Mosvold Larsen/NTB Scanpix/AP

Kamzy Gunaratnam überlebte. Weil sie sich schnell entschieden hatte, zum Festland zu schwimmen. „Ich dachte, ich müsste wählen, wie ich sterben will. Ich bin nicht gut im Schwimmen, aber ich wollte auch nicht erschossen werden.“ Heute ist die junge Frau stellvertretende Bürgermeisterin von Oslo. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist die Bekämpfung des Rechtsradikalismus. „Die Leute sprechen nicht gern darüber, dass Breivik ein Ergebnis der norwegischen Gesellschaft ist“, sagt sie. „Wir müssen uns fragen, wie wir verhindern können, dass sich der 22. Juli wiederholt.“

Pannenreicher Polizeieinsatz

In den Jahren nach dem 22. Juli 2011 wurde in Norwegen vor allem der pannenreiche Polizeieinsatz diskutiert. Es gab keine Hubschrauber, keine Boote, die Einsatzkräfte konnten nicht miteinander kommunizieren. Daraus hat man gelernt. „Die norwegische Polizei wurde personell aufgestockt“, versichert Thor Kleppen Séttem, Staatssekretär im Justizministerium. „Das Regierungsviertel ist nun abgesperrt.“ Die Bereitschaftstruppen seien verstärkt worden, es gebe nun Helikopter und es werde viel mehr geübt.

Kamzy Gunaratnam, stellvertretende Bürgermeisterin von Oslo, die den Anschlag auf Utøya überlebt hat, steht neben einem Denkmal im Regierungsviertel mit den Namen der 77 Todesopfer der beiden von dem norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik verübten Anschläge.  Sigrid Harms/dpa

Doch gesellschaftlich war das Thema „22. Juli“ lange ein heißes Eisen. „Ich denke, dass Norwegen als Nation Angst hatte, das Thema zu berühren“, sagt Lisbeth Røyneland. Sie leitet die Gruppe der Angehörigen der Opfer. Ihre Tochter Synne starb auf Utøya. Sie wurde mit drei Schüssen im Kopf gefunden. „Regelrecht hingerichtet“, sagt Røyneland. Die enorme Solidarität in der Gesellschaft war am Anfang für sie ein großer Trost. Tausende Norweger legten Rosen an der Domkirche im Osloer Zentrum ab. Die Worte des damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg gingen in die Geschichte ein: „Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Menschlichkeit, aber niemals Naivität.“

Zehn Jahre später ist das für Lisbeth Røyneland nicht genug. „Wir sprechen viel von Liebe und Rosen, aber nicht sehr viel über das Gedankengut, das Hintergrund für die Terroraktionen ist.“ Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft ein Auge auf die Außenseiter hat. „Dass ein Mensch aus der Gesellschaft herausfällt, ist das Gefährlichste, was passieren kann“, meint Røyneland.

Astrid Willa Eide Hoem, Vorsitzende der Jugendorganisation der Arbeiterpartei (AUF), der es gelang, sich vor dem norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik unter einem Felsvorsprung zu verstecken, steht an einem Denkmal für die 69 Opfer auf der Insel nahe der Küste. Sigrid Harms/dpa

Anders Behring Breivik hat bis heute seine Taten, die er mit einer Furcht vor der Islamisierung der westlichen Welt begründet, nicht bereut. Seine Strafe, 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung, sitzt er im Gefängnis von Skien ab, in drei Zellen, isoliert von anderen.

„Nie wieder 22. Juli“ sagt man sich auch auf der Insel Utøya westlich von Oslo. Die Insel wird nun vor allem von Schulklassen besucht, ist aber weiterhin Austragungsort für das Zeltlager der AUF. „Es gab sehr unterschiedliche Meinungen, wie man sich zu Utøya verhalten sollte“, erzählt Jørgen Wadne Frydnes, der heutige „Chef“ der Insel. Für die AUF hat die Insel Symbolwert, für viele Eltern war es schwierig, sich vorzustellen, dass an dem Ort, wo ihr Kind ermordet wurde, wieder gefeiert werden sollte. Das führte zu harten Fronten.

Überlebende des Massakers auf Utoya werden von Rettungskräften versorgt. Morten Edvardsen/Ntb Scanpix/AP

Wadne Frydnes bekam den Auftrag, die beiden Interessen unter einen Hut zu bekommen - und das scheint ihm gelungen zu sein. Das Café-Gebäude, in dem 13 Jugendliche starben, hat man zum Teil erhalten. Drumherum wurde ein neues Gebäude errichtet, dessen Dach von 69 Pfeilern getragen wird - sinnbildlich für die 69 Menschen, die auf Utøya getötet wurden. Täglich kommen Schulklassen hierher, um über den 22. Juli zu lernen und über demokratische Werte zu diskutieren.

Ein paar hundert Meter entfernt schwebt ein chromfarbener Ring zwischen den Bäumen. Darin sind die Namen der Toten und ihr Alter eingraviert. Keiner kommt zuerst, keiner zuletzt. Für Kamzy Gunaratnam ist dieses Denkmal ein wichtiger Ort, auch wenn die Erinnerung weh tut. „Ganz Norwegen hat versprochen: Nie wieder 22. Juli, und wenn wir das Versprechen halten wollen, dann müssen wir uns auch daran erinnern, was geschehen ist.“