Harald Hauswald, Konzert von Big Country, Radrennbahn, Weißensee, Berlin, 1988. Foto: Harald Hauswald/Ostkreuz/Bundesstiftung für Aufarbeitung

Berlin - Dieser Fotograf hat einen Blick fürs Komische und Kuriose, wenn er festhielt, wie die kleinen Leute ihren schweren, vertrackten Alltag im Osten meistern, mal mürrisch, mal heiter in ihren Milieus. Ist Hauswald ein Wiedergänger Heinrich Zilles, nur eben eine Epoche später und mit modernerer Kamera?

Vor den Bildern seiner Ausstellung „Voll das Leben“ in der Fotogalerie C/O – gut 250 Motive sind hier zu sehen – mag man als einstiger DDR-Bürger reichlich Déjà-vus erleben. Fröhliche, komische, auch traurige Erinnerungen werden dabei wach. Wer aus dem Westen stammt, dürfte amüsiert sein und nachdenklich werden. Zumal das Aufgebot mit der Stasiakte des Fotografen verwoben ist. Über kaum einen anderen seiner Zunft gibt es eine vergleichbar ausführliche Dokumentation der Observation. Im Jahr 1985 erhielt der potenzielle Staatsfeind Hauswald, als „Radfahrer“ geführt, einen Haftbefehl wegen „staatsfeindlicher Hetze“, „Devisenvergehen“, „Agententätigkeit“ und „Weitergabe nicht geheimer Nachrichten“. Zeitweise wurde ihm, als alleinerziehendem Vater, die Tochter entzogen.

Ein Paar auf einer Schwalbe, 1984, Borna, DDR, Deutschland, Europa. Foto: Harald Hauswald/Ostkreuz/Bundesstiftung für Aufarbeitung

Neben diesen Erfahrungen lebt in Hauswalds Bildern der Alltag in Ost-Berlin und im verschwundenen Land zwischen Kap Arkona und Inselsberg auf: das Anstehen nach Karten fürs Rockkonzert, die erwartungsvollen Gesichter junger Leute, die Courage der beiden Alten, die zu zweit auf eine „Schwalbe“ – eins der begehrtesten Fortbewegungsmittel im Osten – steigen und losbrausen. Die Trabbi-Blechlawinen auf dem Parkplatz, das Rentnerkränzchen unterm Friedensplakat und die von einer Windböe durcheinandergewirbelten Fahnen bei einem Partei-Aufmarsch nahe Alexanderplatz. Und natürlich die müden Gesichter der Schichtarbeiter in der Straßenbahn. Das Punk-Pärchen im Park, die Jungen mit ihren Mopeds am Müggelsee, die Rummelplätze.

Hauswalds Blick ist unverfälscht und einfühlsam; die Aufnahmen voller Sympathie für das fotografierte Objekt und die Menschen vor seiner Kamera. Sie behalten stets ihre Würde und stehen im Gegensatz zu dem sie umgebenden Zerfall. Es sind Zeugnisse einer abgeschotteten und eingeschlossenen Welt kurz vor ihrem Untergang. Nach dem Exodus der DDR wurde Hauswald Gründungsmitglied der berühmten Agentur Ostkreuz. Eins der Erfolgsprojekte im Osten.

ieles davon scheint vergessen, anderes bleibt. Darum wird seit 1989 rückwärts erzählt: von Einsamkeit, Flucht, Gemeinschaft, Heiterkeit, Jugend und Kindheit, von Lüge. Von Macht, Neugier, Ordnung, von Rebellion. Von Sehnsucht, Traurigkeit, von Untergrund, Verfall, Widerspruch. Und auch von privaten Nischen, von Liebe. Wohlfeile DDR-Klischees gibt es hier keine. Hauswalds Bildwelt bevölkern weder ideologisierte Polit-Sklaven, noch Janusköpfe oder angepasste Angsthasen. Es sind ganz normale Leute, die einfach lebten, so gut es ging. Die aushielten. Und solche, die weggingen.

Die Schau entstand nach strenger Auswahl aus einem Bilderberg von 32.000 Aufnahmen seit den 1970ern bis zum Mauerfall und danach. Die Bundesstiftung für Aufarbeitung finanzierte die Konservierung Tausender dieser Motive. Sie belegen: Der Menschen-Beobachter und Chronist Hauswald, geboren 1954 in der Karl-May-Stadt Radebeul, 2006 geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz, reibt sich an großen Vorbildern: Edgar Steichen, Cartier-Bresson, Robert Frank, Arno Fischer.

Voll das Leben! Retrospektive, C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24. Bis 23. Januar 2021, tgl. 11–20 Uhr (mit Corona-Abstandsregeln). Kuratoren: Felix Hoffmann mit Ute Mahler und Laura Benz von Ostkreuz. Katalog im Steidl Verlag.