Berlin - Für einen Kabarettisten ist es die Höchststrafe. Der Programmchef des zum RBB gehörenden Radiosenders Radioeins, Robert Skuppin, hat sich für einen von Serdar Somuncu zusammen mit Florian Schroeder aufgenommenen Podcast am Dienstag förmlich entschuldigt. „Leider hat sich bei vielen Zuhörer*innen des Podcasts offenbar der Eindruck verfestigt, der radioeins-Podcast wolle rassistische und sexistische Klischees zementieren. (…) Es tut uns leid, dass es zu diesen Missverständnissen gekommen ist. Radioeins übernimmt dafür die Verantwortung und entschuldigt sich auch im Namen der beiden Protagonisten bei all den Menschen, die sich deshalb beleidigt oder herabgewürdigt fühlen. Radioeins hatte niemals die Absicht, rassistische oder sexistische Stereotypen zu befördern.“

Zugänglich war der rund drei Stunden dauernde Podcast bereits seit dem 6. September, der Shitstorm setzte erst Tage später ein, unter anderem wegen Formulierungen wie dieser: „Es geht mir am Arsch vorbei, ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt. (…) Solange es nicht unter Strafe steht, sage ich N*“, erklärt Serdar Somuncu und sprach das N-Wort aus. Menschen, die sich darüber echauffieren, seien „alles Pisser“. „Meistens Frauen“, so Somuncu, „schlecht gefi***, miese, hässliche Schabracken.“

Starker Tobak, Somuncu lässt nichts aus und steigert sich während seiner Wortkaskaden in Rage, und Florian Schroeder sekundiert, mal verschämt lächelnd, mal andächtig schweigend. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus – das volle Programm, ein machistischer Steigerungslauf dessen, was die Kollegin Lisa Eckhart unlängst, ebenfalls mit einer gewissen Verspätung, in die Schlagzeilen gebracht hatte.

"Jeder hat das Recht auf Diskriminierung!"

Wer sich die Mühe macht, sich die volle Pracht der Somuncu-Tiraden anzuhören – aber wer macht das schon in Zeiten des flüchtigen Scrollens? –, der hätte die Versuchsanordnung durchschauen können. Schroeder und Somuncu legen sie freimütig bloß. Jeder habe das Recht auf Diskriminierung, erläutert Somuncu. Er wolle nicht länger Opfer, sondern auch Täter sein. Was es zu beweisen galt. Der Podcast ist ein performativer Akt, der hart an die Schmerzgrenze des guten Geschmacks geht, um am Ende doch eine Art höhere Moral zum Vorschein zu bringen. Aber reicht das aus zur Entlastung?

Natürlich meinen Schroeder und Somuncu es nicht so. Es handelt sich um Rollenprosa, beide agieren als die von ihnen geschaffenen Kunstfiguren. Die Versuchsanordnung ähnelt ein wenig an Jan Böhmermanns Vortrag des Schmähgedichts gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Vor der Schmähung breitete Böhmermann die dichterischen und rechtlichen Implikationen seines umstrittenen Sprachkunstwerks ausführlich aus. Florian Schroeder hat kürzlichen einen performativen Coup gelandet, als er im Rahmen einer Stuttgarter Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen aufgetreten war. Nach einem Exkurs über Hegel beharrte er schließlich auf Meinungsfreiheit, die ihm viele seiner Zuhörer zuzubilligen bereit waren.

Zu ihrem umstrittenen Podcast versuchen Schroeder und Somuncu nun deutlich zu machen, dass es eben immer auf den Kontext ankomme. Somuncus Kritiker lassen ihn damit natürlich nicht durchkommen. Er bediene ein menschenfeindliches, rechtes Weltbild und verschanze sich hinter seiner migrantischen Herkunft. Die beiden Satiriker würden bewusst extreme Positionen vertreten, hat Robert Skuppin gesagt. Man hätte den Podcast redaktionell bearbeiten müssen.

Comedian Serdar Somuncu verfügt über ein großes Ego

Dabei findet sich die Pointe des Falles Somuncu doch in der Rolle, die man ihm insbesondere bei Radioeins in dessen regelmäßiger Sonntagssendung „Die blaue Stunde“ ausdrücklich zuspricht. Serdar Somuncu präsentiert sich dort weniger als rücksichtsloser, auf jeden scharfen Witz zusteuernder Satiriker, sondern als leutseliger Radioonkel. Es ist eine Anrufsendung, in der Somuncu seinen Hörern bisweilen viel Platz einräumt. Nicht selten geht es um Fragen wie Rassismus, Verschwörungstheorien, aber auch Liebe und Vertrauen. Somuncu monologisiert, schweift ab und kehrt dann wieder zu seinen mitunter prominenten Studiogästen zurück. „Die blaue Stunde“ ist eine performative Wundertüte, die die gesamte Bandbreite der Radiounterhaltung ausnutzt. Schrill, experimentell, bieder und immer bezogen auf den narzisstisch agierenden Moderator.

Der Musiker und Comedian Serdar Somuncu verfügt über ein großes Ego, hat eine große Klappe, aber auch ein großes Herz. Das alles macht die „Blaue Stunde“ zu einem Radioerlebnis, das bizarr anregend, aber auch fürchterlich anstrengend sein kann. Ein seltener und seltsamer Freiraum, den der Sender nicht nur dem Freigeist Somuncu gewährt, sondern auch seinen Hörern. Es sieht so aus, als sei dieser Freiraum, ganz wie es wohl die Absicht seiner Urheber war, an Grenzen geraten. Eine Diskussion, die Serdar Somuncu gut kennt. Ende der 90er-Jahre war er einem größeren Publikum durch eine szenische Lesung bekannt geworden, in der er aus Hitlers „Mein Kampf“ vorlas.