Walter Plathe an der Kastanie aus seiner Kindheit, die in einem Hinterhof in der Ackerstraße steht. Foto: Wächter

Auf ein Käffchen hat sich Walter Plathe (69) mit dem KURIER verabredet. Eine Zeitreise in die Vergangenheit des beliebten Schauspielers ist daraus geworden. Denn Plathe zieht es zu einem Altberliner Hinterhof in Mitte, um uns „seine Kastanie“ zu zeigen. „Sie ist eine ganz besondere“, sagt er. „Sie ist der Baum meiner Kindheit.“  

Ackerstraße 149, Hinterhaus: In der Parterrewohnung, damals noch mit Außen-Klo, wuchs Plathe auf. „Wenn ich spielen wollte,  musste ich nur aus dem Fenster steigen, da war ich schon auf dem Hof“, sagt er. Später ging das nicht mehr. „Mutter bekam die Portierstelle, wir zogen ins Vorderhaus über eine Konditorei, die heute ein Schokoladen-Laden ist. Die Wohnung war größer, ich bekam ein eigenes Zimmer. Und es gab ein Innen-Klo – was für ein Aufstieg.“

Einen gewaltigen Aufstieg machte Plathes Kastanie im Hinterhof. „Als ich drei oder vier war, kam ein Nachbar mit einem zarten Pflänzchen, buddelte es ein. ‚Immer schön jießen‘, sagte er zu mir. Das habe ich auch getan.“ Die Kastanie ist in den Jahrzehnten kräftig gewachsen, reicht fast bis zum vierten Stock des Hinterhauses. Auch wenn Miniermotten den Baum befallen haben, ist sich Plathe sicher: „Der Baum hält durch. Er hat den Sozialismus überlebt, er wird auch noch den Kapitalismus überleben.“

Mit acht Jahren bekam Plathe das „Dicke Zille-Buch“ von seiner Tante geschenkt. „Ich staunte. Die Hofszenen, die Pinselheinrich aus dem alten Berlin zeichnete, kamen mir bekannt vor“, sagt er. „Das war ja wie  bei uns in der Ackerstraße. Hier war ein Leierkasten-Spieler, der unten im Vorderhaus wohnte, der sogar ein Äffchen für seine Auftritte hatte. Wie in den Zille-Bildern riefen auch bei uns die Mütter aus den Fenstern ihren Kindern auf dem Hof zu: ‚Kalle komm hoch, Mittag ist fertig!‘ Und Ratten vom benachbarten Altstoffhändler tanzten fröhlich auf der Hofmauer.“

Das Haus an der Ackerstraße 149. Hier verbrachte Plathe seine Kindheit. Foto:  Wächter

Eine Kindheit wie im Zille-Milljöh: Nun wissen wir, warum der einstige TV-Landarzt den Pinselheinrich heute so verehrt. Er spielte ihn auf der Theater-Bühne, widmete ihm Solo-Programme. Sogar als Stadtführer kann man Plathe auf Zilles Spuren erleben.

Jetzt hat er sogar ein kleines Büchlein geschrieben, in dem der Star aus dem Leben des Künstlers erzählt, dabei in dessen Rolle schlüpft. „Habe die Ehre ... Zille“ (Eulenspiegel-Verlag, 10 Euro), heißt es. „Als wir das Buch auf der Leipziger Buchmesse präsentieren wollten, fiel diese wegen Corona aus“, sagt Plathe, als wir in seiner Wohnung, unweit seiner alten Heimat, auf einem Gründerzeitsofa sitzen. Darüber hängen, ganz klar, Zille-Bilder.

Die Virus-Krise erlebte der Star im Krankenhaus. „Ich hatte starke Schmerzen, ging zum Arzt. Nun bin ich stolzer Träger eines künstlichen Hüftgelenks aus Titan“, sagt er. Etwa acht Wochen dauerte die Klinik- und Reha-Zeit.

Wie geht es dem Zille-Museum im Nikolaiviertel in der  Corona-Krise, das Plathe 1999 mit Harald Juhnke und Günter Pfitzmann gründete? „Wir hatten Glück, die Wohnungsbaugesellschaft ließ  Rohre im Haus verlegen. So nutzen wir die Zeit für einen  Umbau der Räume“, sagt er. „Im Herbst machen  wir das Museum wieder auf.“ Zuvor steht Plathe auf der Bühne, wird mit einer Lesung am 10. Juli die Seefestspiele in Wustrau (Brandenburg) eröffnen.

KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke im Wohnzimmer von Plathe. Über dem Gründerzeitsofa hängen Zille-Bilder. Foto:  Wächter