Die südafrikanische Sängerin und Songwriterin Alice Phoebe Lou. Foto: Senga Li/Motor Entertainment Gmb

Da muss schon mehr daherkommen als ein fieses Virus und ein Lockdown, um Alice Phoebe Lou ihren sprühenden Optimismus zu nehmen. „Ich hatte eigentlich eine glückliche Zeit zuletzt“, sagt die 27-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Ich konnte meiner neuen Platte viel Zeit widmen, und ich werde weiterhin von meinen Fans sehr unterstützt. Ja, verglichen mit anderen Musikern erging es mir gut.“ Sogar die staatliche Unterstützung für die aus Südafrika stammende Wahl-Berlinerin habe funktioniert.

Und Alice Matthew alias Alice Phoebe Lou ist eben auch keine verwöhnte Diva, sondern eine zähe, zielbewusste, zuversichtliche Frau - das kommt ihr jetzt in der Corona-Krise zugute. Zuerst als Feuertänzerin in Paris und Amsterdam, dann als zunehmend populäre Straßenmusikerin in Berlin hat die in Kapstadt geborene Sängerin seit knapp zehn Jahren bei fast jedem Wetter ihr Publikum um den Finger gewickelt. Zugleich wurden ihre zwischen Folk, Jazz, Soul und Pop funkelnden Lieder immer besser, längst gilt sie als eine der talentiertesten Songwriterinnen nicht nur in Deutschland.

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Das dritte Studioalbum Glow bestätigt diese Entwicklung nun eindrucksvoll. Da sei „gutes Timing“ im Spiel gewesen, erzählt Lou im Zoom-Gespräch aus ihrer gemütlichen Wohnküche im wuseligen Berliner Stadtteil Neukölln. „Der Lockdown begann, als ich mit der neuen Platte anfing, es gab viele emotionale Dinge, die mich inspirierten, ich konnte mich tief darin versenken und meine verletzliche Seite zeigen.“ Die Corona-Auszeit habe ihr also nicht geschadet.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Songwriterin Alice Phoebe Lou.

Glow: Der künstlerische Quantensprung 

Nach den beiden schon ausgereiften, so gar nicht nach improvisierter Straßeneckenmusik klingenden Vorgängerwerken Orbit (2016) und Paper Castles (2019) sowie mehreren Live-Veröffentlichungen bedeutet Glow nun nochmals einen künstlerischen Quantensprung. In den zwölf Songs findet Alice Phoebe Lou die perfekte Mischung aus sonniger Leichtigkeit (Dusk, Dirty Mouth) und zarter Melancholie (Glow, Lovesick). Die Stücke sind luftig und fantasievoll arrangiert, der helle, sehr variable Gesang bezaubert.

Manches auf Glow erinnert an die nur wenig ältere britische Kollegin Laura Marling, die voriges Jahr mit ihrem eigenen Lockdown-Album Song For Our Daughter nochmal so richtig durchstartete. Auch Alice Phoebe Lou geht textlich in die Tiefe - selbst bei vermeintlich banalen Liebesliedern. „Es gibt viele sentimentale Gefühle und Themen in den Songs. Verliebtheit, Herzschmerz - all diese extremen Emotionen. Es ist wie eine Reise, auf die ich die Leute mit meiner Stimme mitnehme.“

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Lou hatte dabei keine konkreten Vorbilder im Sinn, aber doch Anknüpfungspunkte. „Aretha Franklin, Chet Baker oder auch Elvis Presley“ erwähnt die Musikerin im dpa-Interview. Und sie gibt zu: „Ich habe offenkundige „Love Songs“ lange umgangen. Die Songs sollten immer eine Aussage haben, um bei den Leuten anzukommen. Aber irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es klassische Liebeslieder sind, die den Menschen am nächsten gehen.“ Sie habe beim Schreiben versucht, „meine ganz eigenen Stärken auf den Tisch zu legen. Man darf halt auch keine Furcht haben, ob es irgendwie blöd klingt.“

Alice Phoebe Lou: In Berlin begann ihre Reise als Musikerin 

Aufgenommen wurde Glow mit bewährten Begleitern und dem Produzenten Dave Parry von der kanadischen Folkpop-Band Loving analog in einem Dresdner Studio. „Das war ein ganz natürlicher Prozess, es hat so viel Spaß gemacht“, schwärmt Lou. Ihre künstlerische Heimat bleibt aber Berlin, wo sie vor neun Jahren als No-Name-Musikerin auftauchte.

„Dies ist die Stadt, in der ich zu einer Frau wurde“, sagt sie. „Südafrika ist der Ort, den ich weiterhin sehr liebe, mit meiner Familie und der tollen Musikszene. Aber ich bin heute so dankbar, dass ich mich mit 18 entscheiden konnte, praktisch ohne Geld und ohne Verbindungen in Berlin als Straßenmusikerin zu starten. Ich bin immer noch total verliebt in diese Stadt, dieses Gefühl wächst eher noch.“

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Gerade die recht freie Nutzung des öffentlichen Raums durch Künstler sei toll, sagt Alice Phoebe Lou - und fügt lachend hinzu: „Berlin heißt Straßenmusiker sehr willkommen - wenn auch nicht jeder Polizist zu jeder Zeit.“ Obwohl die 27-Jährige längst zu den Aufsteigern der deutschen Indiepop-Szene gehört, spielt sie weiterhin auf der Straße - oder möchte es wieder tun, wenn die Corona-Entwicklung das zulässt.

Heutzutage lädt Lou in sozialen Medien gern kurzfristig zu kleinen Gigs in Berliner Parks ein. „Da können meine Freunde auch mit ihren Babys hinkommen, es ist familiengerechter als anderswo.“ Bei solchen Auftritten lasse sich zudem „eine hübsche Menge Platten verkaufen - denn ich bin ja schließlich auch Geschäftsfrau“. Mit Glow hat Alice Phoebe Lou nun vermutlich den goldenen Mittelweg zwischen künstlerischen Ambitionen und kommerziellem Potenzial gefunden.