Endlich wieder frei: Der Angeklagte Serghei N. (59) und seine Verteidiger Josipa Salm-Francki und Frank Zindler am Tor der JVA Moabit Foto: KE.

 Er saß 306 Tage unschuldig im Knast. Irre Wende dann im Prozess: Ausgerechnet der Belastungszeuge gesteht: „Ich habe Frank E. erschossen.“

Ein unglaublicher Fall. Der Richter: „Auch ich mit meiner fast 30-jährigen Berufserfahrung habe so etwas noch nicht ansatzweise erlebt.“ Ein Verteidiger: „Wir sind hier haarscharf an einem Justizirrtum vorbeigeschrammt.“

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Serghei N. (59), der Mann auf der Anklagebank überglücklich. Freispruch auf Kosten der Landeskasse. Und Haftentschädigung (rund 23.000 Euro). Nun will er möglichst vergessen – „wie einen schrecklichen Traum“. Den hatte ihm Veaceslav A. (45) eingebrockt. Sie waren einst Kollegen.

Es geht um den eiskalten Mord an Bauunternehmer Frank E. (41) vor rund 23 Jahren. N. und A., die beide aus Moldawien stammen, waren für ihn tätig. Als Bauhelfer.

Frank E. renovierte gerade im Büro in Moabit und hatte dem Killer den Rücken zugekehrt, als am 3. März 1998 kurz nach 16 Uhr die Schüsse fielen. Es glich einer Hinrichtung. Zwei Kugeln in den Rücken, dann ein Schuss in den Hinterkopf.

Trotz intensiver Ermittlungen kam die Polizei nicht weiter. Ein scheinbar nicht zu lösender Fall. Doch 2017 meldete sich in England ein Zeuge und sagte dann bei der Berliner Polizei aus. Er beschuldigte Serghei N., behauptete: „Mir gegenüber hat er die Schüsse gestanden.“ Als Motiv seiner späten Aussage gab A. zu Protokoll: „Will meine Seele reinigen.“

Der vermeintliche Zeuge wusste alle Details. Was er schilderte, deckte sich mit Ermittlungsergebnissen. Doch wenn es nicht um den Mord ging, soll er wirres Zeug erzählt haben.

Sein Ex-Kollege Serghei N. lebte inzwischen in Italien. Hatte dort sein Glück gefunden: Familie, Haus, guter Job. Ein völlig unbescholtener Mann. Wie aus dem Nichts kamen die Vorwürfe. Er wurde inhaftiert, nach Deutschland ausgeliefert.

Nach fast dreimonatigem Prozess die Aussage von A., der wieder aus England angereist war. Sein dritter Satz löst Fassungslosigkeit im Saal aus: „Ich habe Frank E. erschossen.“ Der falsche Zeuge wurde verhaftet, der unschuldige Angeklagte kam sofort frei.