Aufklärungserfolg in Sachen „NSU 2.0“: Ein Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes trägt eine Kiste mit beschlagnahmten Datenträgern und Unterlagen aus der Wohnung des Verdächtigen. Foto: Morris Pudwell

Seit 2018 hielt eine vermeintliche rechtsextreme Terrorzelle namens „NSU 2.0“ die Öffentlichkeit in Atem. Mehr als 100 Prominente und Personen des öffentlichen Lebens bekamen Schreiben mit Todesdrohungen und Beleidigungen. Weil deren gesperrte Adressen anscheinend in Polizeicomputern abgefragt wurden, geriet die Polizei in Verdacht. Doch nun stellt sich heraus: Es war offenbar gar kein Polizist, sondern 53-jähriger Arbeitsloser, der die Schreiben verfasst hat.

Am Montag nahmen Spezialkräfte der hessischen Polizei den Verdächtigen fest. Als sie die Tür seiner Wohnung im Soldiner Kiez einrammten, saß der Mann gerade an seinem Computer. Es handele sich nicht um einen Polizisten, teilen die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das hessische Landeskriminalamt (LKA) in der Nacht zum Dienstag mit. Der Festgenommene sei ein 53-jähriger arbeitsloser Mann.

Der ARD-Terrorismus-Experte Michael Götschenberg sagte in der RBB-„Abendschau“, es handle sich um Horst Alexander M., der etwa wegen Urkundenfälschung und Betrug, aber auch wegen der Verbreitung jugendpornografischen Materials bei den Behörden bekannt sei.

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Laut Staatsanwaltschaft war er bereits in der Vergangenheit wegen zahlreicher, unter anderem auch rechtsmotivierter Straftaten, rechtskräftig verurteilt worden, etwa wegen Beleidigung und Bedrohung und wegen Amtsanmaßung. „Er hatte sich als Polizist ausgegeben“, sagt Oberstaatsanwältin Nadja Niesen. Zu keinem Zeitpunkt sei er Bediensteter einer hessischen oder sonstigen Polizeibehörde gewesen.

Im Visier des NSU-2.0-Täters: Prominente wie Jan Böhmermann und Politikerinnen wie Linke-Chefin Janine Wissler

Die Adressaten der NSU-2.0-Schreiben waren überwiegend Personen, die wegen ihrer Tätigkeit im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Darunter sind die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, der Kabarettist Jan Böhmermann sowie Abgeordnete. Opfer waren auch die heutige Linkspartei-Chefin Janine Wissler und die Berliner Linke-Fraktionschefin Anne Helm.

Der Name „NSU 2.0“ lehnt sich an die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) an, die für zehn Morde und zwei Bombenanschläge verantwortlich war. Wiederholt wiesen Spuren zur Polizei selbst. So standen mehrere Beamte der hessischen Polizei zwischenzeitlich unter Verdacht, illegale Abfragen im Polizeicomputer vorgenommen zu haben.

Im vergangenen Sommer richtete sich der Verdacht auch gegen zwei Berliner Polizisten. Sie sollen ohne dienstlichen Grund in der polizeilichen Datenbank Poliks private Daten der Berliner Kabarettistin Idil Baydar abgefragt haben. Die Ermittlungen konnten die beiden Beamten jedoch später entlasten. 

Opfer der NSU-2.0-Drohschreiben fordern Aufklärung

Es habe einen zeitlich engen Zusammenhang zwischen Abfragen aus Polizeicomputern und den ersten Drohschreiben gegeben, sagt Präsident Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA). „Es gab aber auch schon früh Hinweise, dass der oder die Täter sich selbst diese Daten verschafft haben, zum Beispiel bei Behörden. Dass sie sich als Amtsträger ausgegeben und um Auskunft gebeten haben.“ Konkreter wollte er nicht werden.

Den Opfern genügt das aber nicht. „Es handelt sich um gesperrte Adressen. An die kommt man nicht einfach heran, indem man bei der Polizei anruft und sich als Kollege ausgibt“, so Anne Helm zum RBB.

Die hessische Polizei arbeitete mit dem BKA zusammen

Die Drohschreiben waren bei den Adressaten vor allem per E-Mail und über die Nachrichtenfenster von Webseiten eingegangen. Eine Sonderkommission der hessischen Polizei durchforstete seit vergangenem Sommer lang die Internetplattformen und Foren, in denen der Verdächtige unterwegs war, und auch das Darknet.

Eingebunden war auch das BKA mit seinen Spezialisten für Autorenerkennung. Mittels linguistischer Textanalyse können sie geschriebene Sprache auswerten. Ihre methodische Grundlage ist die Fehler- und Stilanalyse. Unter anderem über Vergleiche mit den Äußerungen, die der Verdächtige im Internet sonst noch von sich gab, kamen sie ihm auf die Spur.