Ein Zug der U-Bahnlinie 8 verlässt den Bahnhof Wittenau. In einer solchen Situation wurde am Donnerstag eine Sechsjährige mitgeschleift, weil sie in der Tür eines Waggons eingeklemmt war.  Foto: Markus Wächter

Ein Mädchen (6) wird mit der Bahn 70 Meter mitgeschleift. Dann erst stoppt der Zug (KURIER berichtete). Das U-Bahn-Drama aus Wittenau zeigt, dass Notbremsen nicht so funktionieren, wie es in Filmen immer dargestellt wird.  Sie lösen lediglich ein Signal aus.

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Nach dem Unfall am Donnerstag im U-Bahnhof Wittenau haben sich viele Zeugen gefragt, warum der Zug der U8 nicht sofort stoppte. „Wir sind hier nicht in einem Actionfilm aus Hollywood. Das hier ist die Realität“, sagt Petra Nelken, Pressesprecherin der BVG, dem KURIER. Wenn in amerikanischen Filmen jemand die Notbremse zieht, sprühen sofort die Funken und die Bahn steht nach einigen Metern. „Das ist aber nicht die Wirklichkeit. Wenn jeder Idiot mit einer Notbremsung jeden Zug stoppen könnte, dann wäre das sehr gefährlich“, so Nelken. Eine U-Bahn könne bis zu 70 km/h auf entsprechenden Strecken erreichen. Wenn der Zug dann willkürlich abgebremst wird, kann das zu vielen Verletzungen führen. „Dann hätten wir andauernd Knochenbrüche und Kopfverletzungen bei unseren Fahrgästen zu beklagen“, so Nelken. 

Zugführer gibt Funkspruch in die Rettungsstelle ab

In Deutschland ist das klar geregelt: Wenn die Notbremse betätigt wird, dann wird ein Signal beim Zugführer ausgelöst. Via Gegensprechanlage fragt der Zugführer nach, was los ist. „In solchen Gesprächen wird keine Zeit verplempert. Im Gegenteil: Der Zugführer klärt die Situation und handelt. Er kann sofort einen Funkspruch abgeben, um Hilfe zu alarmieren, weil er direkt mit der Rettungsstelle verbunden ist“, sagt die BVG-Sprecherin. Dieser Vorgang ist in Deutschland vorgeschrieben. Das heißt, dass die gleiche Sicherheitstechnik auch bei der S-Bahn und der Deutschen Bahn zum Einsatz kommt.

Einsatzkräfte versorgen hinter einem Sichtschutz ein schwer verletztes Mädchen. Die Sechsjährige wurde in Reinickendorf ins Freie gerettet, nachdem sie kurz zuvor von einer U-Bahn mitgeschleift worden war. Foto: Morris Pudwell

Zugführer sind zudem angewiesen, immer in den nächsten Bahnhof einzufahren, wo Menschen deutlich besser evakuiert und medizinisch versorgt werden können. Da U-Bahnen in Tunnelsystemen fahren, sind sie die meiste Zeit für Rettungskräfte sehr schwer zu erreichen. Wenn der Zug bei Bränden in einem Tunnel stoppt, „dann sitzen die Fahrgäste in einer bösen Falle“, so Nelken.

Bei dem Vorfall am U-Bahnhof Wittenau soll der Zugführer unmittelbar nach Eingehen des Signals den Zug gestoppt haben. Nach KURIER-Informationen soll die Notbremse allerdings nicht sofort gezogen worden sein, weil noch versucht wurde, das Mädchen zu befreien. Die Sechsjährige, die mit dem Arm in einer Tür eingeklemmt war, erlitt schwere Kopfverletzungen und einen Armbruch. Sie wurde etwa 50 Meter über den Bahnsteig und 20 Meter in dem Tunnel mitgeschleift.

Warum der eingebaute Einklemmschutz in der Tür nicht funktionierte, wird derzeit noch von der Polizei ermittelt. Nach jetzigem Stand wird vermutet, dass der Arm des Mädchens zu schmal war. Die U-Bahnen verfügen, je nachdem, wie modern sie sind, über eine Technik, die signalisiert, dass eine Tür nicht ordnungsgemäß geschlossen ist. In diesen Fällen wird die Anfahrt verhindert.