Polizisten führen den Tatverdächtigen ab. Der 27-Jährige soll seinen Bruder mit einem Küchenmesser erstochen haben. Foto: Morris Pudwell

Fast jede dritte Gewalttat in Deutschland geschieht unter Einfluss von Alkohol. Die Hemmungen schwinden, die Realität verblasst. Ein falsches Wort genügt und die Wut entlädt sich. Süchtige werden zu tickenden Zeitbomben. In Hellersdorf gipfelte vor einer Woche ein Trinkgelage in einem tödlichen Familiendrama. Jonny K. (24) bohrte ein Messer in die Brust seines Bruders. Im KURIER erzählt der dritte Bruder, wie es soweit kommen konnte.

Laut Schätzungen sind in Deutschland knapp zwei Millionen Menschen alkoholkrank. Der tragische Fall aus einer Plattenbau-Wohnung im Osten der Stadt wirft einen verstörenden Blick auf eine Welt, die oft im Verborgenen bleibt. Familie K. aus Hellersdorf flüchtet sich täglich in die Trunkenheit. Milieu, wie einige Nachbarn sagen. Verlorene Seelen, die in ihrem eigenen Kosmos leben. Der Vater (52) und seine drei Söhne Jonny (24), Chris (26) und Phil (27) sind seit Jahren alkoholsüchtig. In der Nacht zu Dienstag vergangener Woche tötete Jonny seinen ältesten Bruder Phil mit einem Stich ins Herz - vor den Augen von Chris.

„Er meinte, es war ein Unfall. Für mich ist es Mord. “

Der 26-Jährige Chris sitzt auf der Couch im Wohnzimmer, als er von der Tat berichtet. Er spricht ruhig und klar. Der Tatort neben ihm ist gesäubert. Nur Blutflecken auf dem Teppich im Korridor erinnern an die Todesnacht. Die drei wohnungslosen Geschwister haben sich wie so oft beim Vater zum Trinken getroffen. „Es gab keinen Anlass. Es war bei uns wie ein Ritual“, sagt Chris. Die Brüder hätten eine schwere Kindheit gehabt. Sie wurden früh von der Mutter verlassen. Warum, wissen sie nicht. Im frühen Grundschulalter wurden sie in Kinderheime gesteckt. Sie fielen auf, rebellierten und betranken sich. „In Deutschland gibt es keine Trinkkultur“, sagt der Psychologe Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer. Ab 16 Jahre würden Jugendliche „der Alkoholindustrie zum Fraß hingeworfen“.

Im Fall der Brüder führte die Sucht sie regelmäßig zusammen. Für das letzte gemeinsame Besäufnis hatte Chris Bier und fünf Flaschen Schnaps (Ouzo und Goldbrand) mitgebracht, wie er sagt. Sie tranken und schauten Fernsehen. Als er zwei Stunden später von der Toilette kam, war sein Vater in der Küche. Seine beiden Brüder sollen vor der Glasvitrine im Wohnzimmer gestanden haben. Chris:„Er hat Phil ohne Grund mit einem Küchenmesser in die linke Brust gestochen. Ich versuchte, die Blutung zu stoppen und rief die 110. Jonny stand nur da und sagte nichts.“

Erst bei der Mordkommission habe Jonny sich entschuldigt. „Er meinte, es war ein Unfall. Für mich ist es Mord. Ich werde es ihm nie verzeihen.“ Laut Chris habe Jonny wenige Tage zuvor erzählt, dass er davon träumt, jemanden abzustechen. Er soll Phil zwei Wochen vor der Tat mit einem Messer verletzt haben. Aus Bruderliebe habe er ihn nicht angezeigt, glaubt Chris. Er selbst hat wegen Jonnys Gewaltexzesse eine Narbe an der Stirn. Erschüttert blickt er auf das Leben seines großen Bruders zurück:„Phil hatte noch so viel vor. Er wollte seine Freundin und die beiden Kinder zurückgewinnen.“