Aus diesem Wrack haben Retter eine Mutter (45) und ihre Tochter (17) geborgen. Die 45-Jährigen musste reanimiert werden. Foto: Morris Pudwell

Trümmerteile liegen auf dem Kudamm, mittendrin stehen zwei Autowracks. Die Bilder des Schlachtfelds erinnern an das Todesrennen, das vor mehr als vier Jahren auf dem Tauentzien einen unbeteiligten Jeep-Fahrer aus dem Leben riss. Diesmal traf es eine Mutter (45) und ihre Tochter (17): Für die beiden endete die Fahrt beinahe tödlich, weil sich drei Raser in ihren Protzkarren messen wollten. 

Montagabend, gegen 21.20 Uhr: Die 45-jährige Frau und ihre 17-jährige Tochter fahren in einem Ford Fiesta auf dem Kurfürstendamm in Richtung Brandenburgische Straße. An der Kreuzung zum Lehniner Platz ordnet sich der Kleinwagen zum Linksabbiegen ein  -  und plötzlich von einem entgegenkommenden BMW gerammt. Durch die Wucht des Zusammenstoßes wird der Ford auf die linke Seite gekippt.

Die Batterie des Kleinwagens wird aus dem Fahrzeug gerissen und fliegt mehr als 70 Meter weit. Der BMW schleudert nach rechts und prallt gegen drei geparkte Autos. Insgesamt werden bei dem Crash acht Fahrzeuge beschädigt. Aus dem BMW springen mehrere Personen. Statt sich um die Insassen zum kümmern, flüchten sie zu Fuß in Richtung Halensee. Ein Polizist sagt vor Ort, es habe ausgesehen wie nach einen „furchtbaren Unfall auf der Landstraße oder Autobahn - aber doch nicht wie ein Unfall mitten in der Stadt“. Gäste eines nahen Restaurants eilen den verunglückten Insassen zur Hilfe. Sie richten das Fahrzeug auf und alarmieren Polizei und Feuerwehr, während sich immer mehr Schaulustige versammeln. 

Die Fahrerin des Kleinwagens wird lebensgefährlich verletzt. Sie muss von einem Notarzt reanimiert werden, bevor sie in ein Krankenhaus gebracht werden kann. Ihre Tochter erleidet schwere Verletzungen. Auch zwei Fußgänger müssen behandelt werden, weil sie von umherfliegenden Trümmerteilen getroffen wurden. 

Der Unfallwagen des Rasers, ein schwarzer BMW, krachte nach der Kollision mit einem Ford Fiesta in mehrere geparkte Autos.  Foto: Morris Pudwell

Die Polizei geht davon aus, dass sich der Fahrer des BMW ein illegales Rennen mit zwei weiteren Autofahrern lieferte. Ein Uber-Fahrer sagte dem KURIER, er habe das Autorennen gesehen. Die Fahrzeuge seien so schnell gewesen, dass er nur „ein schnelles Rauschen wie auf der Autobahn“ gehört hat, als die Autos an ihm vorbeirasten.  Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach dem flüchtigen Unfallfahrer und den beiden anderen Rasern. Die Ermittler bitten die Bevölkerung um Mithilfe und fragen: Wer hat den Unfall beobachtet und kann Hinweise geben, wohin die Insassen des BMW geflüchtet sind? 

Sollte der BMW-Fahrer ermittelt werden, dann drohen ihm drastische Strafen. Denn Rasen ist längst kein Kavaliersdelikt mehr, es wird auch nicht mehr nur wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar fahrlässiger Tötung geahndet. Das zeigt die rechtmäßige Verurteilung des sogenannten Kudammrasers Hamdi H. wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Bundesgerichtshof hatte die Revision des mittlerweile 30-Jährigen auf ein Mordurteil des Berliner Landgerichts vor zehn Wochen verworfen und die harte Entscheidung bestätigt.

Hamdi H. hatte sich in der Nacht zum 1. Februar 2016 zusammen mit Marvin N. ein illegales Autorennen durch die City West geliefert. Bei dem an einer Ampel verabredeten Stechen der damals 26 und 24 Jahre alten autoverrückten Männer peitschten sie ihre hochmotorisierten Autos auf Kudamm und Tauentzien auf das Dreifache der erlaubten Geschwindigkeit. Die rasante Fahrt ging über mehrere Kilometer, auch rote Ampeln konnten sie nicht stoppen. An der Ecke Tauentzien/Nürnberger Straße endete das Rennen. Hamdi H. krachte mit seinem Audi mit rund 160 Kilometer pro Stunde in das Auto eines 69 Jahre alten Arztes im Ruhestand, der Grün hatte und gerade abbiegen wollte.

Der Tot des Arztes hatte eine Verschärfung des Strafrechts zur Folge. Seit 2017 ist die Teilnahme an illegalen Autorennen eine Straftat. Zudem lässt das Gesetzt bei tödlich endenden Stechen die Verhängung einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren zu. Trotzdem werden Raser dadurch offenbar nicht abgeschreckt.

Im Gegenteil: Auf Berlins Straßen finden immer mehr illegale Autorennen statt. Das geht aus einer Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp hervor. Demnach zählte die Berliner Polizei im 2019 insgesamt 360 Autorennen in der Stadt. Im Vorjahr waren es 279. Das bedeutet ein Plus von rund 30 Prozent. Allein vom 13. April bis zum 24. Mai dieses Jahres wurden in Berlin 109 neue Raser-Fälle registriert.