In diesem Ford wurden eine 45-jährige Frau und deren Tochter schwer verletzt. Die Mutter schwebte auch am Donnerstag noch in Lebensgefahr. Foto: Morris Pudwell

Berlin - Nach dem schweren Raser-Unfall am Montag auf dem Kurfürstendamm fordert Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) moderne Blitzer auf dem Boulevard. „Die Bürgerinnen und Bürger erwarten mit Recht, dass der Staat hier handelt“, begründete er im Radio. Anlass war ein schwerer Unfall am Montag, bei dem eine unbeteiligte Autofahrerin und ihre Tochter lebensgefährlich und schwer verletzt wurden, als sich drei Autos ein Rennen lieferten.

Doch schon 2011 – dem Jahr, als Reinhard Naumann Bürgermeister wurde – wurde auf dem Kudamm um die Wette gefahren. Schon damals gab es die Forderung nach Blitzern. Am 14. September jenes Jahres schrieb ein LKA-Beamter, der dort wohnte, einen dienstlichen Vermerk an den Verkehrsdienst der Polizeidirektion 2 und den Leiter des zuständigen Abschnitts 25. Zwischen Adenauerplatz und Nestorstraße  beobachte er „nahezu täglich, aber besonders in den Abend- und Nachtstunden und an den Wochenenden“, wie sich entweder zwei oder mehrere Fahrzeuge Rennen auf dem Kurfürstendamm liefern würden oder auch Fahrer einzelner Fahrzeuge den Kurfürstendamm mit „weit überhöhter Geschwindigkeit als Rennstrecke“ nutzten.

Bei diesen Fahrzeugen handele es sich fast ausschließlich um Pkw der hochmotorisierten Oberklasse oder Fahrzeuge von Personen aus der Tuning-Szene, schrieb der Polizist. Anwohner müssten dadurch erheblichen Lärm ertragen. Der Beamte ging davon aus, dass die Rennen verabredet waren, unter anderem, weil sich Zuschauer einfanden, die den Fahrern zujubelten. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es in diesem Bereich zu VU’s (Verkehrsunfällen, Anm. d. Red.) mit schwer verletzten Personen kommt, oder gar Tote zu beklagen sind“, mahnte der LKA-Beamte in seinem Schreiben, das der Berliner Zeitung vorliegt.

Eine Antwort von seinen Kollegen erhielt er nach eigenem Bekunden nicht.

Derweil fanden auf dem Kurfürstendamm weiterhin illegale Autorennen statt. Im Februar 2016 starb dabei ein unbeteiligter Rentner, dessen Jeep von einem Audi gerammt wurde. Im März dieses Jahres wurde der Audi-Fahrer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Konsequenz aus dem tödlichen Unfall wurde der Straftatbestand „Teilnahme an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen“ im Strafgesetzbuch eingeführt. Sie wurde von einer Ordnungswidrigkeit zu einer Straftat hochgestuft. Und die Polizei verstärkte ihre Einsätze gegen illegale Autorennen. Auf dem Kudamm stoppte sie im Jahr 2017 zehn und im Jahr darauf acht solcher Veranstaltungen. Sie beschlagnahmte die Autos und leitete entsprechende Strafermittlungsverfahren ein.

Ausschnitt aus dem Schreiben des Polizisten an den Verkehrsdienst der Polizeidirektion 2 und den Leiter des Abschnitts 25. Foto: Kopietz

Von Anfang dieses Jahres bis 31. Juli wurden nach Angaben eines Polizeisprechers auf dem Kurfürstendamm 28 Verkehrssonderkontrollen zur Bekämpfung verbotener Kraftfahrzeugrennen und 14 gezielte Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt. Für August kann die Polizei noch keine Zahlen nennen. Bei den 28 Sonderkontrollen seien 634 Autos kontrolliert worden. Hierbei seien insgesamt 552 unterschiedlichste Verkehrsordnungswidrigkeiten und 22 Verkehrsstraftaten zur Anzeige gebracht worden.

Sporadische Verkehrskontrollen uniformierter Kräfte hielt der LKA-Beamte in seinem Schreiben, das in der Direktion 2 wohl in den Papierkorb gewandert sein dürfte, für „nicht zielführend“. Er schlug die Installation eines stationären Geschwindigkeitsmessgerätes auf dem Kudamm zwischen Waitzstraße und Dahlmannstraße vor. Dann lohne sich die Beschleunigung nicht.

Der Kudamm gilt – neben anderen Straßen – zwar als Rennstrecke. Gleichwohl benehmen sich gerade hier die meisten Autofahrer vernünftig. Bei den 14 Geschwindigkeitskontrollen in diesem Jahr durchfuhren fast 28.900 Fahrzeuge die mobilen Messstellen. Lediglich 77 Fahrer überschritten die zulässige Höchstgeschwindigkeit. „Die festgestellte Überschreitungsrate liegt deutlich unter dem berlinweiten Durchschnitt vergleichbarer Straßenzüge“, sagt der Polizeisprecher.

Doch es gibt eben die verheerenden Ausnahmen. Am Montagabend lieferten sich laut Polizei drei Autos ein Straßenrennen. Als eine 45-Jährige mit ihrem Ford Fiesta links abbog, stieß ein BMW mit ihr zusammen. Die Insassen des BMW flüchteten. Auch die beiden anderen Fahrzeuge rasten davon. Die 45-Jährige schwebte laut Polizei auch am Donnerstag noch in Lebensgefahr. Ihre 17-jährige Tochter, die auf dem Beifahrersitz saß, konnte inzwischen von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden. Der Fahrer des bei einer großen Autovermietung ausgeliehenen BMW ist noch nicht gefasst.