Bei der Hauptversammlung von Wirecard 2019 führte Markus Braun noch das große Wort, und die EY-Bilanzprüfer hatten immer noch nichts bemerkt. Braun drohen zehn Jahre Haft.
Bei der Hauptversammlung von Wirecard 2019 führte Markus Braun noch das große Wort, und die EY-Bilanzprüfer hatten immer noch nichts bemerkt. Braun drohen zehn Jahre Haft. dpa/Peter Kneffel

Es wird ein Mega-Prozess, hundert Verhandlungstage sind angesetzt: Am Donnerstag beginnt die gerichtliche Aufarbeitung des größten deutschen Betrugsfalls, der zum Kollaps des Dax-Konzerns Wirecard vor fast zweieinhalb Jahren führte. Der damalige Vorstands-Chef Markus Braun (53) und zwei weitere Manager sind angeklagt, mit Hilfe gefälschter Bilanzen Banken und Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben.

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Die Staatsanwälte werfen Braun auf 474 Seiten Anklageschrift banden- und gewerbsmäßigen Betrug, Untreue, Bilanzfälschung sowie Marktmanipulation in 26 Fällen vor. Vorwürfe, die auf 700 Aktenbänden beruhen.

Komplizierte Beweisaufnahme im Wirecard-Prozess

Über seine Anwälte weist der Österreicher Braun die Anklage in einer aktuellen Stellungnahme zurück, wirft den Ermittlern indirekt mangelnde Sorgfalt vor. Deshalb wird die Beweisaufnahme der vierten Strafkammer des Landgerichts München I unter Vorsitz des Richters Markus Födisch (48) langwierig, ehe Ende 2024 ein Urteil erwartet wird.

Verhandelt wird  in einem bunkerähnlichen unterirdischen Sitzungssaal neben der Haftanstalt München-Stadelheim, in der Braun und der Kronzeuge der Anklage sitzen, Oliver Bellenhaus (49), der frühere Leiter der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East in Dubai. Der dritte Angeklagte, Stephan von Erffa (48) war Chefbuchhalter des Konzerns und wurde gegen Auflagen Mitte 2021 aus der U-Haft entlassen.

Der mittlerweile abgewickelte Zahlungsdienstleister rechnete an der Schnittstelle zwischen Kreditkartenfirmen auf der einen sowie Einzelhändlern und sonstigen Verkäufern auf der anderen Seite elektronische Zahlungen ab und kassierte dafür Gebühren.

Wirecard-Bosse sollen Geschäfte und Gewinne erfunden haben

Laut Anklage schrieb der Konzern eigentlich Verluste. Braun und Komplizen sollen eine Bande gebildet haben, die die Bilanzen des Konzerns seit 2015 systematisch fälschte, um das Minus zu kaschieren. Dafür soll die Bande ein „Drittpartnergeschäft“ der Dubaier Tochter in Milliardenhöhe samt Gewinnen erfunden haben. 

Wirecard meldete Jahr für Jahr rasant steigende Umsätze, 2018 stieg die AG in den Dax auf. An der Frankfurter Börse war der Konzern zwischenzeitlich 21,8 Milliarden Euro wert, mehr als die Deutsche Bank. Braun als größter Aktionär und wurde Milliardär.

1,9 Milliarden Euro – einfach mal weg

Der Kollaps kam im Juni 2020. Nachdem die „Financial Times“ jahrelang über Ungereimtheiten in den Bilanzen berichtet hatte, räumte das Unternehmen ein, dass 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar waren, es folgte die Pleite. Die Erlöse des „Drittpartnergeschäfts“ waren angeblich auf Treuhandkonten auf den Philippinen verbucht. Da sind sie aber nicht, sondern weg, falls es sie jemals gab.

Braun argumentiert, dass die Gelder existierten, das sei belegbar. Bellenhaus jedoch habe Transaktionsdaten „im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Zusammenbruch“ gelöscht. Er habe verschleiern wollen, dass Kommissionszahlungen, die Wirecard zugestanden hätten, an Firmen in Hongkong, Antigua, Singapur oder British Virgin Islands überwiesen worden seien. Braun in der Stellungnahme: „Die Zahlungsflüsse an diese Veruntreuungsgesellschaften wurden bis heute nicht nachverfolgt.“  

Ein Spitzenmann von Wirecard hat sich aus dem Staub gemacht

Abgeschlossen sind die Wirecard-Ermittlungen längst nicht, auch wenn der Prozess beginnt: Flüchtig ist der frühere Vertriebschef Jan Marsalek (42), eine weitere Schlüsselfigur. Er soll sich nach Russland abgesetzt haben.