Der Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens von 1749 bestand aus Brillanten, Rubinen, Gold und Silber geschaffen.   Foto: dpa/Jürgen Karpinski/Grünes Gewölbe/Polizeidirektion Dresden

Der Multi-Millionen-Diebstahl unersetzlicher Diamantenkunstwerke aus dem Grünen Gewölbe in Dresden entwickelt sich mehr und mehr zu einer Geschichte des Versagens. Die Sicherheits-Ingenieure bauten offenkundig Bewegungsmelder so an, dass „tote Winkel“ entstanden, und die Wachleute hatten einen Scanner in der Nacht zum 25. November 2019 nicht einmal eingeschaltet.  

Das geht aus der Antwort der sächsischen Kultur-Staatsministerin Barbara Klepsch (CDU) auf Anfrage des Linke-Landtagsabgeordneten  Rico Gebhardt hervor.

Bewegungsmelder mit totem Winkel

Danach war unbemerkt geblieben, dass die Täter einer Nacht (entweder zum 19. oder zum 20.November) das Gitter zu einem im Schatten liegenden Fenster des Residenzschlosses teilweise herausgeschnitten und dann wieder eingeklebt hatten. Der für den betroffenen Fassadenteil eingebaute Scanner war beim Heraustrennen des Gitterteils zwar in Betrieb, erfasste die Täter aber nicht und löste keinen Alarm aus.

Beamte der Spurensicherung stehen neben dem Gitterfenster, aus deren unterem Rand (über der Leiter) ein Stück herausgeschnitten worden war.  Foto: dpa/Sebastian Kahnert

In der Tatnacht wenige Tage später konnten die Einbrecher das Gitter dann leicht herausziehen und in das Grüne Gewölbe einsteigen. Die Ministerin: „Zum Tatzeitpunkt war der betreffende Scanner nicht scharf geschaltet, da die eingesetzten Wachschutzmitarbeiter einen Alarm vom Vortag der Tat zwar angenommen hatten, es in der Folge aber unterließen, den Scanner wieder scharf zu schalten.“

Zwei der mutmaßlich sechs Täter stiegen in das Gebäude ein, schlugen mit einer Axt Vitrinen ein und stahlen 21  Schmuckstücke, die bis heute nicht wieder aufgetaucht sind. Sie waren mit 4300 Diamanten und Brillanten besetzt, der Versicherungswert lag bei mindestens 113,8 Millionen Euro. Es wird befürchtet, dass sie zerstört und in Einzelteilen verkauft wurden.

Einbrecher kamen mit Revolver und Pistole

Zudem sollen die Täter Sachschäden in Höhe von über einer Million Euro hinterlassen haben. Zwei Täter sollen mit einem Revolver beziehungsweise einer Pistole mit Schalldämpfer bewaffnet gewesen sein.

Sechs Männer aus dem Berliner Remmo-Clan im Alter zwischen 23 und 28 Jahren wurden in den Monaten nach der Tat festgenommen, für einen 23-Jährigen wurde der Haftbefehl aber vor einer Woche aufgehoben. Er sitzt jedoch in Berlin weiter hinter Gittern, weil er wegen des Diebstahls der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bodemuseum 2017 zu viereinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt worden war. Nach vier Einbruchshelfern aus Deutschland und Polen wird noch gefahndet.

Am unteren Rand des Bilds einer Überwachungskamera ist schemenhaft erkennbar, wie ein Mann eine Vitrine einschlägt.   Foto: dpa/Polizei Sachsen

Die Tat war von sehr langer Hand und mit großer Dreistigkeit vorbereitet worden. Sie waren mit einem Audi und einem als Taxi getarnten Mercedes in Dresden unterwegs, sollen mehrmals für die Vorbereitung der Tat unbemerkt über einen Zaun gestiegen sein. In der Tatnacht legten sie offenbar Feuer in einer nahe gelegenenen Elektro-Verteilstation, um das Museum von der Versorgung abzuschneiden.

Fluchtautos wurden angezündet

Den Audi sollen sie in einer Tiefgarage in Dresden in Brand gesetzt haben, wobei drei Fahrzeuge zerstört, 61 beschädigt wurden. Mit dem Mercedes sollen sie nach Berlin gefahren sein, wo er im Dezember 2019 entdeckt wurde. Und in Berlin setzte sich das Versagen fort: Der Wagen, von dem man noch nicht wusste, dass er mit dem Einbruch zu tun hatte, wurde am 25. Dezember 2019 auf einem Sicherstellungsgelände der Polizei abgefackelt. Der Verdacht liegt sehr nahe, dass damit Spuren verwischt werden sollten.

Wann der Prozess gegen die Verdächtigen beginnen wird, ist noch nicht klar. Unterdessen hofft man in Dresden, dass die nach der Tat umgebaute und vor der Wiedereröffnung des Grünen Gewölbes im Mai 2020 in  Betrieb genommene Sicherheitstechnik künftig besser funktioniert.