Drei Jahrzehnte lang hat der Sexualstraftäter Fritz H. als Pflegevater in Berlin ungestört mindestens neun Kinder missbraucht und vergewaltigt. Foto: imago images / blickwinkel

Drei Jahrzehnte lang konnte der Sexualstraftäter Fritz H. als Pflegevater in Berlin ungestört mindestens neun Kinder missbrauchen und vergewaltigen. Vermittelt wurden ihm die oft erst sechs oder sieben Jahre alten Jungen von Berliner Jugendämtern, geschützt wurde H. von dem bei der Senatsverwaltung hoch angesehenen Pädagogik-Professor Helmut Kentler. Trotz einer Vorstrafe wegen Kindesmissbrauchs wählten die Jugendämter Fritz H. immer wieder als Pflegevater aus. Und trotz teils extremer Warnzeichen ließen sie die Kinder über Jahre bei ihm. Die ersten Pflegekinder kamen Anfang der 70er, die letzten verließen die Pflegestelle erst 2003 als junge Erwachsene. Sie sind schwer traumatisiert, ein normales Leben ist ihnen nicht möglich. Und manche überlebten gar nicht: Ein schwerbehinderter Junge starb in Fritz H.s Obhut. Akten der Jugendämter belegen das, sie liegen der Berliner Zeitung in Kopie vor.

Die Opfer fordern Gerechtigkeit. Zwei von ihnen haben Klage gegen das Land erhoben. Sie wollen vom Gericht bestätigt bekommen, dass es sich bei dem jahrzehntelangen Missbrauch um Missbrauch mit System handelt, der von Bildungsverwaltung und den Jugendämtern in den Bezirken toleriert und unterstützt wurde. Sie fordern Schmerzensgeld und Schadensersatz. Der rot-rot-grüne Senat aber verwehrte den Opfern bisher den Prozess – indem er ankündigte, eine sogenannte Einrede wegen Verjährung einlegen zu wollen.

Viele Warnsignale

Jetzt aber gibt es ein neues Gutachten zum Wirken des in Berlin so beliebten Päderasten-Gurus Helmut Kentler und zur Pflegestelle Fritz H. Beide Männer sind bereits verstorben, ohne dass ihnen je der Prozess gemacht wurde. Das neue Gutachten bestätigt die Perspektive der Opfer. Das abschließende Kapitel trägt die Überschrift: „Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“. Das Papier lässt außerdem erahnen, wie groß und mächtig das Netzwerk der Pädophilen in Berlin war, wie es sich auf das ganze Bundesgebiet ausdehnte – und wie wenig von all dem bis heute aufgeklärt ist.

Mehr als ein Jahr lang haben Experten der Universität Hildesheim die Akten untersucht, die der Senatsbildungsverwaltung schon immer vorlagen, die sie aber nie öffentlich gemacht oder selbst untersucht hat. Die Experten für Kindesmissbrauch ziehen darin das Fazit: In den Akten der Jugendämter Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg zur Pflegestelle Fritz H. „finden sich viele schwache und starke Signale“, die zu einer Beendigung der Pflegestelle hätten führen müssen und auf „Verfehlungen gegen die Vorschriften zur Pflegekinderhilfe“ hinweisen. Mehr als 50 Fachkräfte seien an der Fallführung beteiligt gewesen. Schwerwiegende Zusammenhänge – wie der Tod eines Pflegekindes in der Obhut von Fritz H. – „bleiben in der Akte unaufgeklärt“.

Es habe außerdem „ein Netzwerk quer durch die wissenschaftlichen pädagogischen Einrichtungen und die Senatsverwaltung bis hinein in einzelne Berliner Bezirksjugendämter“ gegeben, „in dem pädophile Positionen akzeptiert, gestützt und verteidigt wurden“. Explizit benennen die Forscher neben der Senatsverwaltung und den Jugendämtern dabei auch die Freie Universität, das Max-Planck-Institut, das inzwischen nicht mehr existente Pädagogische Zentrum in Berlin sowie das Pädagogische Seminar Göttingen. Auch Verbindungen zwischen der Senatsverwaltung und der Odenwaldschule seien nachweisbar, wo unter und von Schulleiter Gerold Becker Kinder über Jahrzehnte systematisch missbraucht wurden.

Es gebe „deutliche Hinweise eines Betroffenen und von verschiedenen Zeitzeugen“, dass es auch außerhalb der Pflegestelle Fritz H. und sogar außerhalb Berlins zu Kindeswohlgefährdungen in „Jugendwohneinrichtungen und Pflegestellen gekommen sein kann, die nach Jugendwohlfahrtgesetz in der Verantwortung des (Berliner) Landesjugendamtes und von Berliner Bezirksjugendämtern eingerichtet wurden“. Diese Pflegestellen seien durch das Land Berlin und dessen Jugendämter „nicht nur in West-Berlin, sondern im gesamten Bundesgebiet verantwortet und dort auch von lokalen Jugendämtern übernommen“.

Auch diese Pflegestellen seien nicht auf die 70er-Jahre begrenzt gewesen. Die Forscher räumen außerdem mit einem weiterhin weit verbreiteten Irrtum auf: Es habe sich bei den pädophilen Pflegevätern nicht ausschließlich um „Hausmeister“ gehandelt, wie von Helmut Kentler mehrfach behauptet. „Die bisherigen Hinweise verdichten sich, dass es sich bei diesen Pflegestellen um alleinlebende, mitunter mächtige Männer (…) aus Wissenschaft, Forschungseinrichtungen und anderen pädagogischen Kontexten gehandelt hat.“

Die Rolle des vom Berliner Senat eingerichteten Pädagogischen Zentrums heben die Forscher explizit hervor. Gegründet wurde das Pädagogische Zentrum im Februar 1965 unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (SPD). Brandt unterstellte das Zentrum damals als nachgeordnete Dienststelle direkt dem Schul- und Bildungssenatoren Carl-Heinz Evers (SPD), Mitspracherecht hatten laut den Forschern aber auch der Senator für Jugend und Sport – 1965 war das Kurt Neubauer (SPD) – und der Senator für Arbeit und soziale Angelegenheiten – 1965 Kurt Exner (SPD). Damit seien für Kentlers Abteilung also drei Verwaltungseinheiten des Berliner Senats zuständig gewesen, das Pädagogische Zentrum sei „eindeutig“ als nachgeordnete Behörde des Senats ausgewiesen.

Marco und Sven, die zwei Opfer von Fritz H., die klagen wollen, fordern Konsequenzen. Eine komplette Aufarbeitung, über alle Behördengrenzen hinweg. Und vor allem: Gerechtigkeit vor Gericht. Das Land Berlin solle auf die Einrede der Verjährung verzichten, schreiben sie in Bezug auf das Gutachten. „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter.“