Kannibale von Pankow: Mutmaßliches Mordopfer Stefan T. Polizei, Privat

Am 5. September des vergangenen Jahres verließ Stefan T. kurz vor Mitternacht seine Wohngemeinschaft in Lichtenberg. Der 1,90 Meter große Hochleitungsmonteur hatte offenbar seinen schwarzen Rucksack mit der Aufschrift „Back to the Future“ dabei und trug ein schwarzes Basecap der Marke „Ripcurl“ mit einem weißen Aufkleber an der Vorderseite. Er war bekleidet mit einem T-Shirt, über dem er ein kurzärmeliges Hemd trug, und einer khakifarbenen Cargo-Hose. Stefan T., so hieß es damals, soll verabredet gewesen sein. Erst sieben Wochen später ging die Polizei mit einem Foto des 43-jährigen Vermissten an die Öffentlichkeit. Doch der Hüne mit den rotblonden gelockten Haaren blieb verschwunden, sein Schicksal ungewiss.

Bis zum 8. November. An jenem Sonntag stieß der Hund eines Spaziergängers in einem Waldstück am Buchholzer Graben in der Nähe der Schönerlinder Chaussee im Pankower Ortsteil Französisch-Buchholz auf einen komplett skelettierten Knochen. Rechtsmediziner untersuchten den Fund, der offenbar zu einem Bein eines Menschen gehörten. Wenig später teilte die Polizei mit: Die gefundenen sterblichen Überreste stammten von dem seit Wochen vermissten Stefan T. Das habe ein DNA-Abgleich ergeben. Offenbar wurde er Opfer eines Verbrechens. Am 18. November nahmen Ermittler der 6. Mordkommission einen 41-jährigen Tatverdächtigen fest. Ein Richter erließ Haftbefehl wegen des Verdachts des Sexualmords aus niedrigen Beweggründen.

Ab kommenden Dienstag muss sich Stefan R. wegen Mordes vor der 32. Großen Strafkammer verantworten, einer Schwurgerichtskammer, die in Fällen von vollendeten und versuchte Tötungsdelikten verhandelt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Lehrer vor, sein Opfer zur Befriedigung des Geschlechtstriebs und aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben. Den Toten soll er nach der Tat in seiner Wohnung zerlegt und die Leichenteile an verschiedenen Orten in Berlin deponiert haben. Sterbliche Überreste wurden noch Anfang dieses Jahres gefunden. Die Staatsanwaltschaft sprach bei Anklageerhebung im Mai von einer „sadistisch-kannibalistisch geprägten sexuellen Tatmotivation“. Weiter hieß es, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass das Opfer in seine Tötung eingewilligt habe.

Mantrailer-Hunde führte zur Wohnung des Beschuldigten

Stefan R. soll den Monteur am 6. September auf einem Dating-Portal kennengelernt, am selben Tag getroffen und auf bisher nicht bekannte Weise getötet haben. Die Mordermittler stießen auf den mutmaßlichen Täter offenbar durch die Auswertung des Chatverlaufs des Dating-Portals. Zudem machten sie einen Taxifahrer ausfindig, der das spätere Opfer gefahren haben soll. Vom Zielpunkt der Fahrt und von der Fundstelle des Knochens führten dem Vernehmen nach Mantrailer-Hunde die Ermittler zur Wohnung des Tatverdächtigen.

In der Wohnung von Stefan R. soll die Polizei unter anderem Blut, eine Knochensäge und 25 Kilogramm einer Chemikalie gefunden haben. Ihnen fiel auch eine relativ neue Tiefkühltruhe auf. Darin entdeckten die Experten der Spurensicherung offenbar Blut des Monteurs. In den Medien wurde Stefan R. immer wieder als sogenannter Kannibale von Pankow bezeichnet. Der Tatverdächtige soll im Internet in Kannibalismus-Foren recherchiert haben. Die Ermittler gehen wohl davon aus, dass Stefan R. Teile der Leiche verspeisen wollte. Unklar ist jedoch, ob der Vorwurf des Kannibalismus im Prozess bewiesen werden kann. Stefan R. schweigt bisher zu den Tatvorwürfen.

Angeklagter lehrte in Sekundarschule Mathe und Chemie

Der Angeklagte stammt aus einer kleinen rund 400 Einwohner zählenden Gemeinde in der Südwestpfalz. 2006 schloss er in Rheinland-Pfalz sein Studium ab und kam vor neun Jahren nach Berlin. Hier arbeitete er zunächst an einer Grundschule und bis zu seiner Festnahme an einer Sekundarschule als Lehrer für Mathematik und Chemie. In seinen Social-Media-Profilen gibt er Single als Beziehungsstatus an.

Den Prozess gegen Stefan R. hat die Kammer um den Vorsitzenden Richter Matthias Schertz bisher bis Oktober terminiert. Die Eltern des getöteten Monteurs treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf.