Der Angeklagte wurde von seinem Rechtsanwalt durchs Treppenhaus zum Gerichtssaal gebracht. Foto: Olaf Wagner

Der Arzt, dem Männer vertrauen, vor Gericht: Der Allgemeinmediziner und HIV-Spezialist soll fünf Patienten sexuell missbraucht haben. Ein hochgewachsener Mann, die weißen Haare modisch frisiert. Durch den Zuschauer-Eingang betrat er den Saal, saß dann neben seinen drei Anwälten.

Als vor mehr als 25 Jahren in Berlin eine Praxis fehlte, die sich auch der Belange von homosexuellen Patienten annahm, ging er mit seinem Konzept an den Start. Eine Allgemein- und HIV-Schwerpunktpraxis im Szenekiez Schöneberg. Inzwischen ist er international bekannt.

Doch seit Jahren gibt es Gerüchte und nun einen Prozess. Der Arzt soll fünf Patienten bei Untersuchungen sexuell befummelt haben. Zu den mutmaßlichen Taten soll es zwischen August 2011 und Mai 2013 gekommen sein.

Einer der Arzt-Anwälte: „Unser Mandant wird zunächst schweigen.“ Es gab aber eine Verteidiger-Erklärung. Darin widersprachen sie der Anklage und schossen gegen die Seite der angeblichen Opfer, die nun im Prozess Nebenkläger sind.

Die Verteidiger: „Alle Untersuchungen und Therapien der Personen, von denen in der Anklage die Rede ist, waren medizinisch indiziert.“ Und: „Soweit darüber hinausgehende Angaben von Patienten gemacht werden, sind diese falsch.“ Bei Genitaluntersuchungen habe der HIV-Experte stets nach den Regeln der ärztlichen Kunst gehandelt und nicht zur sexuellen Befriedigung.

Die Praxis sei von Anfang an vor allem auf die Behandlung von HIV, Aids, Hepatitis und weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten ausgerichtet gewesen, hieß es weiter in der Erklärung. „Heute, nach 27 Jahren ihres Bestehens, zählt sie über 50 000 Patienten mit einem Männeranteil von etwa 70 Prozent.“

Der Verteidiger: „Die diagnostischen und auch therapeutischen Prozeduren können mit Schamgefühl und Verunsicherung verbunden sein.“ Eine gründliche Untersuchung könne ein Befühlen und Betasten von Penis, Hoden, Anus erforderlich machen. Viele Patienten mache das nervös. „In den fünf Fällen war jeweils eine Untersuchung am komplett entkleideten Patienten notwendig.“

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Für die Nebenkläger sind drei Rechtsanwältinnen angetreten. Für einen der Männer sagte seine Vertreterin: „Er sieht sich seit sieben Jahren dem Vorwurf ausgesetzt, er würde lügen.“

Die Anklage gegen den Arzt wurde 2016 erhoben. Die Anwältin eines Nebenklägers: „Er hat den Eindruck, dass der sexuelle Missbrauch von Schwulen nicht so ernst genommen wird von der Justiz.“ Fortsetzung: 26. April. KE.