Dem Mann mussten im Rettungswagen die Augen ausgespült werden, nachdem er nur mit einem Reizgas-Einsatz von der Gewalt gegen seine Frau gestoppt werden konnte. Foto: Pudwell

Neukölln - Es kann gut sein, dass der Neuköllner wegen des von Corona erzwungenen, ständigen gemeinsamen Familienlebens an der Weserstraße ausrastete. Eine Erscheinung, die in Quarantäne-Zeiten um sich greifen soll.

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Familienministerin Franziska Giffey (SPD) sprach von zehn Prozent mehr Gewalttaten. Es ist aber nicht sicher, ob es an den Kontakteinschränkungen   liegt. Sie verzeichnet zwar mehr Fälle als 2019, aber schon seit Januar, also vor Corona, erklärte eine Sprecherin.

Bei Berlins Gewaltschutzambulanz sieht man dennoch Gefahr: „Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da, wo sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern“, sagte   Saskia Etzold von der Ambulanz.

Verletzungen fallen seltener auf

Die Kinder aus Neukölln verblieben zu Hause bei der Mutter, doch das gelingt nicht immer. Deshalb hat Berlin für Frauen und Kinder, die   Gewalt erlebten, laut Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) jetzt 335 Schutzplätze. Durch den Ausbau eines   Frauenhauses seien 34 Plätze geschaffen worden. Zusammen mit   Zufluchtswohnungen gebe es in Berlin über 720 Plätze. Doris Felbinger von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) sagte, dass der Senat   über hundert Hotelplätze mieten will. Für den Fall, dass   Frauenhäuser voll sind oder eines wegen Quarantäne geschlossen wird.

Maren Jasper-Winter, frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, forderte: Ein achtes Frauenhaus, das bei den Beratungen für den Doppelhaushalt 2020/21 durchgefallen war, müsse „kurzfristig wieder auf die Tagesordnung“. Denn schon vor   Corona gab es zu wenige Plätze.

Die Polizei geht im Neuköllner Fall von „wechselseitiger“ Körperverletzung   aus. Beide Eheleute wurden leicht verletzt. Ob dem Mann Auflagen wie zum Beispiel eine Wegweisung gemacht wurden, war am Sonntag nicht zu klären.