Polizisten hatten die Leiche der Toten in Bayern gefunden. Die Frau wurde wohl in einem Koffer dorthin transportiert. dpa/David Inderlied

Eine zweifache Mutter hält die Gewalttaten ihres Mannes nicht mehr aus. Nach 16 Jahren Ehe verlässt sie ihn, lässt sich scheiden, findet einen neuen Partner. So weit nichts Ungewöhnliches in Deutschland. Doch wenig später ist die Frau tot – ermordet von ihren eigenen Brüdern. Denen habe der Lebenswandel ihrer Schwester nicht gepasst. Jetzt stehen die beiden Flüchtlinge aus Afghanistan in Berlin vor Gericht. An diesem Mittwoch (2. März) beginnt vor dem Berliner Landgericht der Mordprozess gegen die Brüder – für die Kinder des Opfers eine weitere Belastung.

Der Lebenswandel ihrer Schwester habe nicht „ihren archaischen Ehr- und Moralvorstellungen und ihrem Frauenbild“ entsprochen, erläuterte Behördensprecher Martin Steltner bei der Anklageerhebung. Es geht um einen sogenannten Ehrenmord, der wieder einmal eine Debatte um die Integration von Flüchtlingen ausgelöst hat.

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Was die Ermittlungen ergaben? Die heute 27 und 23 Jahre alten Brüder sollen ihre Schwester am 13. Juli 2021 unter einem Vorwand zu einem Treffen gelockt haben – dann brachten sie die Zweifach-Mutter eiskalt um. In einem Rollkoffer sollen sie die Leiche dann im Taxi zum Bahnhof gebracht und mit dem Zug nach Bayern transportiert haben. Der Anklage zufolge vergruben sie die Leiche dort in der Nähe des Wohnortes des Älteren.

Mit diesem Bild aus einer Überwachungskamera sucht die Polizei nach dem Taxi, in dem die Leiche zum Bahnhof gebracht worden sein soll. Polizei Berlin

Kinder der ermordeten Afghanin leben im Ausnahmezustand

Doch die Männer wurden gefasst. Seit Anfang August vergangenen Jahres sitzen sie in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Mord aus niedrigen Beweggründen aus.

Die Kinder der getöteten Afghanin leben seitdem in einer Ausnahmesituation: die Mutter tot, der Vater ein Fremder, die Onkel im Gefängnis. Das Jugendamt hat sich der Geschwister angenommen und ihnen Rechtsanwalt Robert Weber an die Seite gestellt. Der Jurist, der auch Opferbeauftragter des Landes Berlin ist, wird den 14 Jahre alten Jungen und dessen zehnjährige Schwester als Nebenkläger in dem Prozess vertreten.

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„Ich bemühe mich, die beiden durch dieses Strafverfahren zu lotsen und die Belastung so gering wie möglich zu halten“, sagt Weber wenige Tage vor dem Prozessauftakt. Dazu gehöre, den Kindern zu erklären, was vor Gericht passiert. Aber es gilt auch, den Kindern zu erläutern, was über dieses Verfahren berichtet und außerhalb des Verhandlungssaales spekuliert wird. Vor allem der Ältere sei neugierig und nutze die sozialen Medien, schildert der Anwalt.

Die Geschwister selbst sollen nach Möglichkeit nicht im Gerichtssaal sein – auch nicht als Zeugen. „Sie haben die Gewissheit, dass sie jederzeit anrufen können, wenn Fragen auftauchen“, so Weber. Um den Kindern eine zusätzliche Belastung zu ersparen, wurden sie vorab bei einer Video-Vernehmung nahezu einen ganzen Tag lang befragt. Die angeklagten Brüder und deren Verteidiger nahmen von einem anderen Raum aus teil. Das Video könnte dann im Prozess gezeigt werden – und den Kindern eine weitere Belastung ersparen.

Brüder wollen vom Recht zu schweigen Gebrauch machen

Nach bisheriger Einschätzung sieht die Verteidigung dafür gute Chancen. Ansonsten geht sie von einem „langen und konfliktreichen Prozess“ aus, wie Mirko Röder, Sprecher der Verteidigung des jüngeren Angeklagten, sagte. Aus seiner Sicht dürfte es angesichts der Beweislage schwierig sein, den Fall im Sinne der Anklage zu rekonstruieren.

Vor allem kritisiert die Verteidigung die Diskussion, nachdem die Staatsanwaltschaft den Fall öffentlich als einen Mord vermeintlich im Namen der Ehre eingestuft hatte. Dies sei ein klarer Fall von Vorverurteilung, so Röder. Die Brüder würden zunächst von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen, kündigte der Anwalt an.

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Berlins damalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wandte sich damals gegen den „Ehrenmord“-Begriff und wollte lieber von „Femizid“ sprechen. Damit stieß sie bei anderen Parteien auf Kritik – auch bei der inzwischen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Morde vermeintlich im Namen der Ehre erregten bereits in der Vergangenheit immer wieder deutschlandweit Aufsehen. In Berlin wurde 2005 die 23-jährige Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder mit drei Schüssen getötet. Frauenrechtsorganisationen sprechen von zahlreichen derartigen Taten in jedem Jahr.

Bislang hat der Vorsitzende Richter Thomas Groß bis zum 12. August 35 weitere Prozesstage geplant. Rund 50 Zeuginnen und Zeugen sowie sieben Sachverständige sind bisher benannt.