Erster Berliner Prozess im „Encrochat“-Fall: Für Fotos waren nur die Anwälte der vier Angeklagten im Gerichtsssaal. Pressefoto Wagner

Ein paar entschlüsselte Handys, große Wirkung: Immer mehr Verdächtige von kriminellen Clans, aus der Rockerszene und von Drogenbanden gehen der Polizei nach der Entschlüsselung der „Encrochat“-Handys von Kriminellen ins Netz.

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Im Zusammenhang mit dem von der Polizei entschlüsselten „Encrochat“-Messengerdienst laufen in Berlin inzwischen 728 Ermittlungsverfahren gegen Verdächtige aus der kriminellen Szene. Diesen Stand vom 18. November teilte der Senat in einer Antwort auf eine Linken-Anfrage mit. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin sind demnach bereits 138 Verfahren zum Thema „Encrochat“ anhängig.

55 Häuser und Objekte wurden durchsucht, 31 Haftbefehle vollstreckt

21 Verdächtige aus 15 Ermittlungskomplexen sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Es gab 55 Durchsuchungen, 31 Haftbefehle gegen mutmaßliche Kriminelle wurden vollstreckt. Meistens geht es bei den Ermittlungen um den Verdacht des Drogenhandels, oft auch um Handel mit Waffen oder Kriegswaffen wie Maschinenpistolen, außerdem um Geldwäsche. 649 700 Euro wurde vorläufig von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die Berliner Polizei wertet 1,64 Millionen Datensätze aus Textnachrichten, Sprachnachrichten, Fotos und Videos von den entschlüsselten und abgehörten Handys aus.

Polizeibeamte bei einer Razzia im Hof eines Gewerbegebietes in Weißensee. Im Visier: die Helles Angels. Wegen Drogenhandel und Waffenhandels. Auslöser der Razzia im Oktober waren entschlüsselte Daten des Kurznachrichtendienstes Encrochat. dpa/Zinken

Die Kryptierungssoftware „Encrochat“ galt zunächst als nicht entschlüsselbar und war deshalb bei Kriminellen sehr beliebt. Die Polizei in den Niederlanden und Frankreich knackte im Frühjahr 2020 die Software und schöpfte einige Monate lang Millionen geheimer Daten ab. In ganz Deutschland soll es laut Polizei rund 4600 „Encrochat“-Nutzer gegeben haben, in Berlin waren es mehr als 700.

Im Frühjahr hatte es erste Berichte gegeben, dass die europäische Polizei Europol Ende 2020 die Verschlüsselung von Sky ECC geknackt und viele Millionen Chat-Nachrichten von Nutzern aus der ganzen Welt gesichert habe. In einigen Ländern gab es bereits umfangreiche Razzien.

Die Berliner Justiz musste wegen der vielen Informationen über die enttarnten Kriminellen bei Staatsanwaltschaften und am Landgericht eigens Personal und Strukturen aufstocken. Erste Prozesse wegen Drogen- und Waffenhandels laufen bereits. Die Polizei betonte kürzlich, angesichts der modernen Kommunikationstechniken der organisierten Kriminalität hinke die Kriminalpolizei technisch oft hinterher.

Der erste Prozess gegen„Encrochat“-Kriminelle begann Anfang November

Am 9. November begann der erste Berliner Prozess im „Encrochat“-Fall. Nasser R. (42) ist einer von vier Angeklagten. Es geht um Waffen – auch Kriegswaffen – und massenhaft Drogen. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wird verhandelt. 

Nasser R., 1977 in Beirut geboren und seit 1982 in Berlin, saß bereits mehr als 15 Jahre hinter Gittern. Seit 18. Februar 2021 sitzt der Mann, dessen Staatsangehörigkeit ungeklärt ist, erneut in Untersuchungshaft. Neben dem Clan-Mann auf der Anklagebank: Tim H. (23), Murad R. (36) sowie Blanka B. (22), der Beihilfe vorgeworfen wird. Die Männer sollen im April und Mai 2020 über Knarren verfügt haben, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen – zwei „Uzi“ darunter sowie Sturmgewehre und ein Selbstladegewehr.

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Sie sollen die Waffen über das verschlüsselte Mobilfunksystem des niederländischen Anbieters Encrochat zum Verkauf angeboten haben. Außerdem geht es um Handel mit Drogen – mehrere hundert Kilogramm Amphetamin, mehrere hundert Kilogramm Haschisch. Auch ein Koks-Taxi sei im Einsatz gewesen.