Viele Fälle von Gefährdung und Gewalttaten spielen sich nicht in der Öffentlichkeit ab. imago/Gordon Bussiek

Maryan H. (34): Schon wieder ist in Berlin eine Frau im Namen der „Ehre“ getötet worden. Schon wieder ist die Debatte entbrannt, ob der Begriff „Ehrenmord“, wie ihn die Staatsanwalt im Zusammenhang mit der Festnahme von zwei Brüdern der Getöteten vergangene Woche verwandte, überhaupt sagbar sei. „Bei Mord gibt es keine Ehre“, meint Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach. Wie die Linken-Politikerin das meint, erklärt sie so: Der Begriff sei unpassend, „darin steckt die Rechtfertigung der Täter“. Stattdessen sei es besser, den Begriff Femizid zu verwenden. „Das meint den Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts.“

Das Problem daran: Der Begriff Femizid verwischt den Zusammenhang, dass ein Mord im Namen der Ehre im Zusammenhang mit bestimmten Kulturkreisen steht, wo derartige Taten durch Tradition und ungeschriebene Gesetze gerechtfertigt sind. Es geht sogar so weit, dass manche Aktivistinnen in sozialen Medien wilde Spekulationen über mögliche Täter anstellen, die Frauen bedrohen. Dabei werden Femizide diffus mit Sexualstraftätern gleichgesetzt, die Frauen irgendwo auflauern. Manche abstruse Äußerungen stellen sogar Transfrauen unter Verdacht, hinter Femiziden zu stecken. Ermittler schütteln bei derartigen Aussagen den Kopf: LGBTI kennen sie in aller Regel als Opfer von Gewalt. Wer die Täter sind, darüber weiß die Polizei auch mehr, als in den Statistiken steht.

Zentralstelle Individualgefährdung beim LKA Berlin: Polizeiarbeit, die nicht in der Statistik auftaucht

Ich erreiche Alexandra Vogel in der Zentralstelle Individualgefährdung des Berliner Landeskriminalamtes. Ihren echten Namen will sie in dieser Zeitung nicht lesen, denn auch Kolleginnen ihrer Dienststelle sind zur Zielscheibe gewaltbereiter Täter geworden. Ihr „Hauptgeschäft“ seien Partnerschaftsdelikte, erklärt sie. Wenn eine Körperverletzung strafrechtlich bearbeitet ist, die „Gefährdungslage aber weiter offen“ bleibt, dann beginnt ihre Arbeit, die in der Polizeistatistik an keiner Stelle auftaucht.

Es sind nicht immer die spektakulären Fälle wie die der Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü, die im Jahre 2005 auf offener Straße, an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof, erschossen wurde. Die meisten Fälle von Bedrohungen oder Gewalttaten spielen sich im Verborgenen ab, nicht in der Öffentlichkeit. „Partnerschaftsdelikte finden in den eigenen vier Wänden statt“, erklärt Alexandra Vogel. 

Menschen, die in patriarchalischen Strukturen verhaftet sind, in unserer Stadt, in unserem Land geboren, aber die der Meinung sind, die Frau gehört dem Manne und hat zu tun, was er möchte – und ohne Widerrede.“

Alexandra Vogel, LKA Berlin

Aus ihrem langjährigen Berufsalltag heraus weiß sie, von wem die Gefährdung meist ausgeht: „Menschen, die in patriarchalischen Strukturen verhaftet sind, in unserer Stadt, in unserem Land geboren, aber die der Meinung sind, die Frau gehört dem Manne und hat zu tun, was er möchte – und ohne Widerrede.“ Auch die Frage der Ehre spiele eine Rolle, doch selbst in einer scheinbar unauffälligen Ehe können Streitigkeiten um das Eigentum, um die Kinder böse eskalieren.

Strafanzeige, weil Nachbarn die Polizei alarmieren: Aus Angst sprechen Opfer nicht mit der Polizei

Um weiteren Übergriffen gemeinsam die Grundlage zu entziehen, hat sich Alexandra Vogel eng vernetzt mit externen Kooperationspartnern: „andere Behörden, Jugendämter, Schulen, NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen, die Red.), Frauenhäuser, Frauen-Beratungsstellen, Männer-Beratungsstellen, mit denen wir uns erforderlichenfalls in Verbindung setzen, eine Fallkonferenz anberaumen, um sicherzustellen, dass der Gefährdungssachverhalt von allen Seiten betrachtet wird.“

Tätig werden kann die Polizei nur dann, wenn eine Anzeige vorliegt, erklärt Alexandra Vogel. „Ich bin sicher, dass vieles auch vor der Polizei verborgen bleibt. Es kommt auch vor, dass sich Frauen aus welchen Gründen auch immer nicht an die Polizei wenden, wohl aber Kontakt zu einer NGO haben und von dort unterstützt werden.“

Schwieriger sind die Fälle, in denen die Täter Druck auf das Opfer ausüben, gerade wenn die Polizei eingeschaltet wurde: „Oftmals ist es ja auch so: Es kommt eine Strafanzeige zustande, vielleicht weil Nachbarn die Polizei alarmiert haben, dann kommen die Kollegen hin und nehmen es auf. Die geschädigte Person wird vorgeladen und erscheint gar nicht, weil sie Angst hat, dann wird alles nur noch schlimmer, wenn der Mann erfährt, dass sie eine Aussage gemacht hat. Oder sie haben sich wieder vertragen. In dem Fall sind die Möglichkeiten der Polizei arg eingeschränkt.“