Eine Ermittlerin sitzt vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien, die teilweise sexuellen Missbrauch zeigen.
Eine Ermittlerin sitzt vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien, die teilweise sexuellen Missbrauch zeigen. dpa/Rolf Vennenbernd (Archivbild)

Ein anonymer Hinweis hat die Berliner Polizei auf die Spur von Sönke G. (29) gebracht. Der Berliner Handwerker galt als zugewandt und verständnisvoll. Deshalb hatten Eltern auch keine Bedenken, dem nebenberuflichen Kinderbetreuer ihre Kleinen anzuvertrauen. Doch im Geheimen nutzte er das Vertrauensverhältnis skrupellos aus: Dutzende ihm anvertraute Kinder wurden sexuell missbraucht, die Taten per Livecam im Internet übertragen – das jüngste sieben Monate, das älteste elf Jahre alt. In 26 Fällen wurde Sönke G. am Donnerstag zu 12 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Doch die Untaten hatten ein noch viel größeres Ausmaß als bislang bekannt: Wie die Berliner Polizei am Freitag bekannt gab, wurden in akribischer Ermittlungsarbeit insgesamt 48 minderjährige Missbrauchsopfer identifiziert. Vor Gericht war bekannt geworden, dass die Kinder aufgrund von Behinderungen den sexuellen Handlungen wehrlos ausgeliefert waren.

Sönke G.: „Da ist etwas“: Bei Durchsuchung Tausende Kinderporno-Bilder und -Videos gefunden

Im August 2021 eröffnete das Landeskriminalamt Berlin gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Berlin ein Großverfahren wegen des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Herstellung von Kinderpornografie. Dem anonymen Hinweis zufolge sollte Sönke G. kinderpornografisches Material auf seinem Laptop gespeichert haben. Die Staatsanwaltschaft veranlasste Durchsuchungen an seinem Wohnort sowie an der Adresse seiner Lebensgefährtin.

Zahlreiche Datenträger wurden beschlagnahmt. Schon während seine Wohnung durchsucht wurde, räumte Sönke G. ein, dass auf diesen „etwas“ zu finden sei. Dieses „etwas“ sollte die Ermittler noch fünf weitere Monate beschäftigen. Bereits bei der ersten Sichtung des Materials fanden die Ermittler mehrere Tausend selbst hergestellte Kinderporno-Bilderserien sowie -Videos, die laut Polizei „den schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes zeigen“. Einsatzkräfte nahmen den 29-Jährigen daraufhin fest.

Ermittlungsgruppe „Platt“ durchwühlte acht Terrabyte Daten: 2,5 Millionen Bilder und ca. 20.000 Videos

In seiner Wohnung fanden die Fahnder Unterlagen, anhand derer der im Video abgebildete Junge sowie fünf weitere Kinder identifiziert werden konnten. Bald zeigte sich, dass aufgrund der Schwere der Straftaten und der unfassbaren Menge der auszuwertenden Daten eine Ermittlungsgruppe gegründet werden musste: Fünf Mitarbeitende des Landeskriminalamtes gehörten dieser Ermittlungsgruppe „Platt“ zu. In fünf Monaten gelang es, insgesamt 48 missbrauchte Kinder zu identifizieren. Dafür wurden sage und schreibe acht Terabyte Daten ausgewertet: „31 Millionen Dateien – davon ca. 2,5 Millionen Bilder und ca. 20.000 Videos“, konkretisiert die Polizei. Unter diesen hätten sich knapp 15.000 selbst hergestellte Missbrauchsabbildungen befunden.

Nebenbei konnten die Fahnder in einem Fall einen 44 Jahre alten Mittäter identifizieren. Wegen schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes wurde dieser ebenfalls festgenommen.

Psychologen mussten Polizei bei Gesprächen mit Angehörigen der Missbrauchs-Opfer unterstützen

Als äußerst belastend erwiesen sich für die Polizeikräfte die folgenden Gespräche mit den Eltern der betroffenen Kinder. Psychologische Fachkräfte unterstützten die Polizei. Neben der eindeutigen Identifizierung der geschädigten Kinder ging es dabei auch um das Angebot der Unterstützung bei der Bewältigung dieser schrecklichen Taten. Die Polizeiarbeit geht in solchen Fällen weit über die Ermittlungen hinaus: So vermittelt sie die betroffenen Familien mit freien Hilfsorganisationen, um ihnen so die Möglichkeit einer psychologischen Unterstützung zu eröffnen.

Als die Ermittlungsgruppe „Platt“ ihre Arbeit nach fünf Monaten beendete, zog sie Bilanz: 45 Strafverfahren gegen Sönke G. wurden eingeleitet, darunter 25 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und 20 Fälle der Herstellung von Kinderpornografie im Tatzeitraum von Januar 2015 bis März 2020.