Julita Cholewińska und Holger Welkisch auf dem Weg von Gubin nach Guben.  Foto: dpa/Patrick Pleul

Die stärkste Waffe der Brandenburger Polizei ist das gesprochene Wort“, sagt Holger Welkisch mit einem Augenzwinkern und lenkt den Dienstwagen von Guben über die Stadtbrücke auf die polnische Seite ins benachbarte Gubin. Der Brandenburger Polizist holt seine Kollegin Julita Cholewińska zur Arbeit ab. „Jak się masz, dobrze?“, fragt er die 41-Jährige auf Polnisch, als sie ins Auto steigt. Die Frage „Wie geht's? Gut?“  klingt selbstverständlich - der Polizist aus Guben ist in den vergangenen Monaten beim Sprachlehrgang ein großes Stück weitergekommen. Er spreche wirklich sehr gut, sagt Julita und räumt ein, dass sie ihre Deutschkenntnisse noch verbessern müsse. Die Sprache sei schwer und wegen Corona fehle etwas Praxis.

EU fördert die gemeinsamen polnisch-deutschen Streifen

Die deutsch-polnische Streife (landesweit das erste Modellprojekt an der Grenze und mit EU-Mitteln gefördert) hatte im Januar 2020 die Arbeit aufgenommen. Dann kam die Zwangspause. Polen machte wegen der Pandemie im März die Grenze dicht und die Zusammenarbeit der Streife reduzierte sich aufs Telefonieren und E-Mails. Seit einem Monat gehen die Polizisten wieder gemeinsam auf Streife. Zwei Frauen und drei Männer gehören zum Team - ausgestattet mit zwei E-Bikes und einem Dienstwagen, dass mit einem deutsch-polnischen Logo deutlich gekennzeichnet ist. Dazu kommen Tablets und Smartphones, Schulungen und Sprachkurse. Das Projekt läuft im Oktober 2022 aus und soll dann in den normalen Dienst der Landespolizei übergehen.

Die Polizisten Julita Cholewińska und Holger Welkisch auf der Stadtbrücke über die Neiße. Im Hintergrund  die Reste des Ende 1945 abgebrannten Gubener Theaters.  Foto: dpa/Patrick Pleul

Welkisch wurde auf Grundlage des deutsch-polnischen Polizeivertrags von 2015 juristisch geschult. Mit den polnischen Kollegen darüber unterhalten konnte er sich jedoch nicht. „Es gab Maßnahmen, wo man sich nicht richtig zu helfen wusste. Das wollte ich ändern“, erzählt er. Mittlerweile haben alle Mitglieder des Teams die nächsthöhere Stufe der Sprachausbildung erreicht. Welkisch informiert seine Kollegin auf Polnisch über die aktuellen Fälle.

Ein Autobesitzer aus Sachsen-Anhalt musste informiert werden, dass sein in Deutschland gestohlenes Auto in Gubin gefunden wurde – leider mit Totalschaden, offenbar durch einen Unfall der Diebe. „Die polnische Kripo kommt auf uns zu und fragt: Könnt ihr das machen?“, erläutert der Polizist die Zusammenarbeit. In der Vergangenheit waren die Wege durch die Sprachbarriere lang. Nun hat der Mann schnell Klarheit. Auch ein gestohlenes Päckchen mit einem iPhone für eine Berlinerin wurde in Polen abgefangen. Welkisch erspart den Kollegen in der Hauptstadt Kommunikationswege und regelt die Weiterleitung.

Der Streifenwagen darf über die Grenze

Ladendiebstähle, Vermisstensuche, Ermittlungen zu Ausweisfälschungen, Verkehrsunfälle oder ein Tankstellenraub im jeweils anderen Land sind die alltäglichen Fälle, mit denen das Team zu tun hat. Der normale Streifenwagen müsste an der Grenze abbrechen, wir können hinterherfahren und ermitteln“, erläutert Welkisch. In beiden Ländern gelten dieselben Befugnisse. Auch in der Corona-Zeit bewährte sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, wie Projektkoordinator Torsten Roch erzählt. Kurzfristig wurden Testzentren für Pendler aufgebaut, viele Polen arbeiten auf der deutschen Seite.

Das Team begleitete die Betroffenen, klärte, übersetzte, räumte Missverständnisse aus. „Jetzt ist es wieder an der Zeit, entgegen der ganzen politischen Störungen, die auch Richtung Polen gehen, zu zeigen: Das mag alles sein, aber wir als Polizei stehen zur Zusammenarbeit“, sagt Koordinator Roch mit Nachdruck.

Inzwischen kontrollieren Welkisch und Cholewińska einen älteren Mann in der Innenstadt von Guben. Er wirkt etwas verwirrt. Es stellt sich heraus, dass der Pole zum Arzt will. Er zeigt der Polizistin seine Papiere, die beruhigend auf ihn einredet. Anschließend fährt das Duo auf die polnische Seite jenseits der Neiße.

Das polnisch-deutsche Polizei-Duo hilft einem alten Mann, der sich auf dem Weg zum Arzt anscheinend verfranzt hat. Foto: dpa/Patrick Pleul

Dort macht das Trinkermilieu des öfteren Probleme, in Polen darf in der Öffentlichkeit kein Alkohol getrunken werden. Julita ist bei den Stadtstreichern wegen ihrer freundlichen, sachlichen Art beliebt, erzählt Welkisch. Die Männer werden ermahnt – die Zweisprachigkeit des Duos kommt an.

Fred Mahro (CDU), Bürgermeister von Guben, kann die Arbeit des neuen Teams nicht hoch genug einschätzen, vor allem was das Thema Schmuggel angehe und die Nutzung der Grenze als Rückzugsraum für kriminelle Aktivitäten im Nachbarland, wie er sagt. Mahro erinnert sich nicht gern an das Jahr 2015, als eine Raubserie die Einwohner verunsicherte. Seine Verwaltungsmitarbeiter mussten damals Streife laufen. Zur Unterstützung rückte eine Hundertschaft der Polizei an, die aber nicht blieb. Sporadische Streifendienste von Polizisten beider Länder etwa zweimal pro Monat halfen nicht viel.

Mit Blick auf die Ergreifung von Straftätern häuften sich laut Projektkoordinator Roch die Bürger-Anfragen. „Macht ihr hier nichts? Arbeitet ihr mit Polen nicht zusammen?“, erinnert er sich. „Die kommunale Zusammenarbeit gab es längst, aber wir als Polizei waren in den 90ern stehengeblieben.“ Er sei jede Woche einmal in Polen gewesen, um bürokratische Hürden zu nehmen. Auch deshalb ist der Koordinator des Projekts froh, dass das neue Team auf „kurzen Wegen“ arbeiten könne.

Welkisch und seine Kollegin machen mittlerweile in der gemeinsamen Dienststelle in Guben Station und begrüßen Kollegen der Bundespolizei gleich neben der Stadtbrücke. Die sitzen in direkter Nachbarschaft und sind momentan an der Grenze sehr gefordert. Immer mehr Geflüchtete kommen nach Brandenburg. Allein im Oktober hatten Bundespolizisten 5285 Menschen mit Bezug zur Belarus-Route aufgegriffen.

„Gefühlt“ seien es mehr Flüchtlinge geworden, die über die Stadtbrücke nach Deutschland gelangen wollen, berichtet auch Welkisch. Er und seine deutsch-polnischen Kolleginnen und Kollegen kontrollieren Menschen stichprobenartig. Sie fragen, ob medizinische Hilfe gebraucht wird und betreuen die Geflüchteten, bis die Bundespolizei übernimmt, die sie ins etwa 30 Kilometer entfernte Eisenhüttenstadt in die Erstaufnahmeeinrichtung bringt.

Der Tag endet diesmal ohne größere Fälle. Koordinator Roch hält es für möglich, dass es durch die Arbeit des Teams weniger Straftaten geben könnte. „Kriminelle sehen möglicherweise, dass die deutsche Polizei auch in Polen unterwegs ist“, sagt er. Es gehe aber nicht um Aufklärungsquoten, sondern um das Sicherheitsgefühl der Bürger, betont er. Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU) sieht das Polizeiteam als Vorreiter für andere Teams an der Grenze. In den nächsten Wochen werden sich Welkisch und seine Kollegen in Läden und Restaurants vorstellen, zuhören und reden – auf Deutsch und Polnisch.