Der mutmaßliche Todesschütze Vadim K. steht in Berlin vor Gericht. Foto: Polizei

Der Killer war auf einem Fahrrad im Kleinen Tiergarten unterwegs und streckte sein Opfer am helllichten Tag mit einer Schalldämpfer-Pistole nieder. Vor Gericht geht es nun um mehr als um einen Mord.

Eine Frau mit dunkelblauem Kopftuch weint heftig, als die Anklage verlesen wird. Es ist eine Schwester des ermordeten Tschetschenen Zelimkhan Kangoshvili (40), der auch einen Pass mit dem Namen Tornike K. besaß. Es ist ein Prozess mit politischer Sprengkraft. Die Frage: War der Angeklagte ein Auftragskiller aus Moskau?

Hinter Panzerglas sitzt ein Russe - laut Anklage Vadim K. (55). Über einen seiner drei Verteidiger aber erklärt er: „Ich heiße Vadim Andreevich S. Ich heiße nicht Vadim K. So eine Person kenne ich nicht.“ Er sei 50 Jahre, Bauingenieur. K. oder S.? Der Richter: „Ich rede Sie mit Herr Angeklagter an.“

Zelimkhan Khangoshvili wurde in Moabit erschossen. Foto: Privat

Ein Polit-Thriller. Laut Bundesanwaltschaft soll Vadim K. von „staatlichen Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation“ beauftragt worden sein, Tornike K. - einen Georgier tschetschenischer Abstammung - zu liquidieren. Man habe ihn als Feind angesehen. Er hatte im Kaukasus gegen russische Kräfte gekämpft und sich auch danach in Georgien gegen Russland engagiert.

Von langer Hand geplant sei das Attentat gewesen. Im Juli 2019 habe der Killer in Russland einen Reisepass mit Alias-Personalien erhalten. Als Vadim S. und als Tourist sei er am 17. August 2019 von Moskau nach Paris geflogen, drei Tage später nach Warschau, dann nach Berlin.

Berlin: Richter Olaf Arnoldi (r.) und seine Kollegen nehmen zu Beginn des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten im Gerichtssaal im Kriminalgericht Moabit ihre Plätze ein. Foto: dpa /Andersen

Der 23. August 2019 gegen 11.55 Uhr. Zelimkhan Kangoshvili, 2016 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen, will in die Moschee. In der Parkanlage Kleiner Tiergarten hinter ihm ein Radfahrer. Der zieht eine Knarre, feuert seitlich auf das Opfer. Dann zwei Schüsse in den Kopf. Eine Hinrichtung.

Der Killer floh Richtung Spree. Jugendliche beobachteten, wie ein Mann ins Gebüsch ging, sich umzog und Fahrrad, Perücke und einen Beutel ins Wasser warf. Die Zeugen riefen die Polizei. Festnahme kurz darauf.

Die Anklage: „Hintergrund des Tötungsauftrags war die Gegnerschaft Tornike K.s zum russischen Zentralstaat.“ Ein Akt von Staatsterrorismus? Die russische Regierung hat Verstrickungen in den Fall zurückgewiesen.

Es dürfte einer der spektakulärsten Mordprozesse seit Jahren in Berlin werden. Denn virtuell sitzt auch die russische Regierung mit vor dem Kammergericht. Der Angeklagte schwieg. Heute beginnt die Zeugen-Befragung. KE.