Männliche Clan-Angehörige bei der Beerdigung des 2018 erschossenen Nidal R. in Berlin.  Foto: dpa/Paul Zinken

Dr. Dorothee Dienstbühl ist Professorin für Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV) in Nordrhein-Westfalen. Sie forscht im Milieu der Clans und begleitet polizeiliche Bekämpfungsstrategien.

Frau Dienstbühl, in Nordrhein-Westfalen und Berlin haben die Politiker zum Kampf gegen Clans geblasen. Allerdings existiert die Clankriminalität schon seit Jahrzehnten. Warum wurde sie solange nicht gesehen?

Sie wurde schon von der Polizei gesehen und behandelt. Sie war aber kein politisches Thema. Weil es sich um ethnische Minderheiten handelt, waren die Politiker sehr unsicher, wie sie das Problem ansprechen sollten. Sie fürchteten bezichtigt zu werden, rassistisch zu sein. Und genau dieser Vorwurf kommt ja jetzt auch auf.

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Seit kurzem haben wir in Berlin ein Antidiskriminierungsgesetz. Glauben Sie, dass Clan-Anwälte dies benutzen?

Definitiv. Vorwürfe aus den Reihen der Clans, die Polizei verhalte sich rassistisch, gibt es schon längst – nicht nur in Berlin. Diese Opferrolle ist vor allem vor Gericht eine beliebte Strategie. Jetzt bekommen sie noch ein zusätzliches Rechtsmittel an die Hand. Nach Razzien twittern oder posten auf Facebook mitunter vorbestrafte Akteure aus der Szene, sie seien die neuen Juden und so etwas. Ich wundere mich, dass es hier keinen Aufschrei gibt. Noch mehr wundere ich mich allerdings über Initiativen, die sich dazu benutzen lassen, zu Flashmobs gegen die Maßnahmen aufzurufen und so im Endeffekt Kriminelle zu verteidigen. Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr, die Kriminelle heroisiert und die Polizei mit einem Generalverdacht belegt.

Dorothee Dienstbühl bildet als Professorin für Kriminologie Polizisten aus. Foto: Privat

In NRW und Berlin kontrolliert die Polizei massiv Shisha-Bars, Cafés und Wettbüros. „Politik der Nadelstiche“ nennen das die Innenpolitiker beider Länder. Reicht es aus, hier und da ein paar Ordnungswidrigkeiten festzustellen und dort mal einen Spielautomaten zu beschlagnahmen?

Wenn es nur dabei bleibt, nicht. Wenn man diese Kontrollen aber auch dazu nutzt, um Strukturermittlungen und Ermittlungen in Bezug auf Geldwäsche zu betreiben, dann können die etwas bringen. Wir sprechen von einem komplizierten Gefüge von kriminellen und nichtkriminellen Wirtschaftszweigen. Auch die anderen Behörden wie das Finanzamt und der Zoll brauchen einen Ansatz, und den können sie durch die Kontrollen bekommen.

Das kriminelle Treiben von Clans wird oft mit organisierter Kriminalität (OK) gleichgesetzt, etwa den russisch-eurasischen Banden oder der italienischen Mafia. Im vergangenen Herbst legte das BKA erstmals ein Lagebild zur OK vor. Schaut man sich darin die Schadenssummen an, die die Clans verursachen, dann scheint sich das Ausmaß zu relativieren. Wird der Akzent überproportional stark auf Clans gelegt?

Zum einen glaube ich, dass das Ausmaß des Schadens durch Clankriminalität noch nicht wirklich abgeschätzt werden kann. Der Fokus auf das Thema ist ja noch relativ neu, also warten wir die Entwicklungen der nächsten Jahre ab. Zum anderen geht es nicht nur um OK, sondern um das Beherrschen des öffentlichen Raums, in dem Clans gewalttätig auftreten. Auch Blutfehden untereinander werden im öffentlichen Raum ausgetragen. Das ist eine Machtdemonstration und ein Eroberungsanspruch, den sie nach außen zeigen und auf den die Politik auch reagieren muss.

Macht die Öffentlichkeit die Clans vielleicht auch mächtiger, als sie sind?

Tatsächlich nutzen Clans den Hype, der um sie gemacht wird, aus. Rapper oder Serien wie 4 Blocks suggerieren: Vor uns haben alle Angst, wir sind die Mächtigen und im Kampf gegen den Staat. Das pusht die Popularität der Clans und führt möglicherweise dazu, dass Personen, die sich vorher neutral verhalten haben und nicht kriminell aufgefallen sind, noch stärker angezogen fühlen vom Narrativ des gefährlichen Gangsters. Auch manche Fernsehdoku, in der Clanmitglieder mit ihrem Lebensstil und ihren Autos protzen, trägt zum Mythos bei.

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In den sozialen Netzwerken protzen sie ebenfalls mit Autos und teuren Uhren. Ist der Reichtum echt?

Ja und nein. Diese Familien sind untereinander immer im Wettbewerb und stapeln hoch. Sie müssen also regelrecht prahlen und posen. Manche ihrer Luxuskarossen sind Unfallkarren. Oder teure Autos sind nur gemietet. Mitunter lässt man sich einfach vor einem fremden Auto fotografieren. Auch die Gucci-Täschchen und vermeintliche Rolex-Uhren sind oft Fälschungen. Es gibt Vermögen dort und Luxusgegenstände, keine Frage. Aber jeder möchte mit dem anderen mithalten, und deswegen ist da auch viel Fake im Spiel. Gerade unter den Jüngeren.

Mitglieder der Al-Zeins haben einen spektakulären Überfall auf das KaDeWe verübt und Remmos wurden für den dreisten Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum verurteilt. Findet Wettbewerb auch bei Straftaten statt?

Auf jeden Fall. Aber das gibt es schon bei kleineren Taten, wenn es darum geht, noch frecher und dreister zu sein. Das sieht man beispielsweise an diesen Hochzeitskorsos. In Nordrhein-Westfalen hat es ein Akteur fertiggebracht, auf der Autobahn einen Donut zu drehen (ein Fahrmanöver, bei dem Autos sich mit rauchenden Reifen um sich selbst drehen, d.R.) und als die Polizei kam, ihr gleich die Visitenkarte des Anwalts in die Hand zu drücken. Die haben keine Angst vor staatlicher Strafe. Und mit solchen Taten ist man in der Community der Größte.

Welche anderen Möglichkeiten neben Polizeieinsätzen gibt es, um der Clankriminalität Herr zu werden? Was halten Sie zum Beispiel von Aussteigerkonzepten?

Gerade im Rechtsextremismus war das „Exit“-Programm sehr erfolgreich und wurde zum Vorbild genommen für Islamisten und besonders Salafisten. Bei Clans ist das Problem: Sie haben keine Ideologie, zu der ein Jugendlicher irgendwann durch eine Peergroup gekommen ist. Sondern es sind Menschen, die von Geburt an sozialisiert wurden. Aus einer Familie auszusteigen ist schwierig. Externes Einwirken hilft da nicht viel.

Allerdings will auch keine Mutter ihren Sohn im Gefängnis sehen.

Ist das so? Wir sprechen von einem anderen Familien- und Wertesystem. Der Sohn wird durch die Familie sehr stark in der Haft unterstützt, wenn er aus Sicht der Familie „aus den richtigen Gründen“ dort sitzt. Und wenn er rauskommt, hat er ein hohes Ansehen. Dass die Mütter ihre Kinder also generell nicht im Knast sehen wollen, wage ich dann zu bezweifeln.

In Neukölln gibt es das Projekt „Heroes“, das mit Jungen arbeitet und Werte wie Ehre und Männlichkeit kritisch hinterfragt. Und der Neuköllner Jugendstadtrat will, dass junge Männer, die einstmals straffällig waren, über ein Mentoring-Programm positiv auf Jugendliche einwirken. Wären das Ansätze?

Die Familien funktionieren darüber, dass sie eine angreifbare Ehre haben. Das schafft auch den Nährboden für ein Die-und-Wir-Denken. Ehre ist auch der Grund, warum es so häufig zu Gewalt untereinander kommt. Dieses Narrativ der Ehre aufzubereiten durch Personen, die aus dem Kulturkreis kommen, halte ich für eine gute Idee. Es ist kein Allheilmittel, aber eine wichtige flankierende Maßnahme.

Clans stehen für patriarchale Strukturen und Unterdrückung der Frauen. Welche Rolle spielen Frauen?

Der Einfluss der Frau wird unterschätzt. Sie ist die Hüterin der Familie und sie gebärt den Nachwuchs. Je größer der Clan ist, desto mächtiger ist er. Die Mutter erzieht die Kinder nach den Prinzipien der Familie. Wenn sie mehrere Kinder wunschgemäß erzogen hat, hat sie auch eine gewisse Position. Die Frau ist unheimlich wichtig, um das System zu stützen.

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Dann könnte man doch versuchen, über Sozialarbeit an die Frauen heranzukommen.

Es gibt solche Projekte. Aber wenn Frauen plötzlich anfangen, in Frauenkurse zu gehen, die betreut sind von externen Sozialpädagogen, dann wird das in den Familien argwöhnisch beobachtet. Und das heißt auch nicht, dass die Frauen dort ihre Prinzipien verraten. Es ist deutlich schwieriger, an diese Frauen heranzutreten, als man es sich vorstellt. Viele denken, die Frauen hätten enormen Leidensdruck und wollten aus den Strukturen raus. Sie werden kontrolliert, ja. Aber sie leben ja selbst die Clanwerte. Also reichen Angebote vom Jugendamt oder Frauencafé nicht aus. Die schaffen vielleicht einen Kontakt. Aber mehr auch erstmal nicht.

Das klingt ziemlich pessimistisch. Man kann also mit Prävention nicht viel machen?

Prävention ist wichtig. Aber sie kann nur erfolgreich sein, wenn die Repression wirkt und wenn Clans merken, dass sie durch staatliche Maßnahmen finanzielle Verluste erleiden. Das ist noch nicht wirklich der Fall. Man muss Präventionskonzepte entwickeln, die auch wirklich greifen. Aber das kann man nur, wenn man mehr über die Familien und vor allem die kriminellen Strukturen in ihnen weiß. Und wir wissen immer noch zu wenig.