Sarmad A. (30) posiert wenige Stunden vor der Amokfahrt vor dem Opel Astra, mit dem er mehrere Fahrzeuge rammte. Foto: privat

Der Amokfahrer von der A100 ist ein wirrer Fanatiker, den die Sicherheitsbehörden nicht auf der Uhr hatten. Seine Gebete und Schreie ließen Nachbarn in der Nacht vor der Tat aufschrecken. Am Vormittag lief Sarmad A. aufgebracht durch Reinickendorf und löste einen Polizeieinsatz aus. Doch alarmierte Beamten konnten den 30-Jährigen nicht aufspüren. 

Der islamistische Anschlag hätte möglicherweise verhindert werden können. Der 30-jährige Iraker war am Tattag mehreren Nachbarn vor seinem Wohnhaus durch sehr aggressives Verhalten aufgefallen. Anwohner berichten, dass der Iraker gegen 10 Uhr mit einer Gebetskappe auf dem Kopf wie im Wahn die Kögelstraße auf- und ablief. Er soll auf ein Autodach geschlagen haben. Immer wieder rief er: „Allahu Akbar“ und „Ihr werdet sehen“. Anwohner, die sich bedroht fühlten, alarmierten zweimal die Polizei. Doch die Beamten konnten  Sarmad A. nicht finden.

„Er tauchte immer für eine halbe Stunde auf und machte Stress, danach war er wieder kurz verschwunden“, sagt eine Anwohnerin. Irgendwann schraubte er noch andere Kennzeichen an den Opel Astra. Am Abend setzte er sich dann in sein Terror-Auto und fuhr auf die Stadtautobahn. Er touchierte zwei Autofahrer, rammte zwei Motorrad- und einen Rollerfahrer. Sechs Menschen wurden verletzt, drei davon schwer.

Wie Attentäter Anis Amri nutzte Sarmad A. ein Fahrzeug als Tatwaffe für einen Anschlag. Ein gerammtes Motorrad hing auch am nächsten Vormittag noch in der Front des Opel Astra. Foto: dpa/Paul Zinken

Ein Feuerwehrmann, der mit seinem Motorroller nach Dienstschluss auf dem Weg nach Hause war, wurde durch die Kollisionen lebensgefährlich verletzt. Er musste notoperiert und ins künstliche Koma versetzt werden. „Wir stehen in engem Kontakt mit der Familie und versuchen zu helfen, wo wir können“, erklärt ein Feuerwehrsprecher dem KURIER. Landesbranddirektor Karsten Homrighausen besuchte den Verletzten gestern im Krankenhaus.

Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Sarmad A. machte gezielt „Jagd auf Motorradfahrer“. Zu seinem Motiv schweigt Sarmad A. bisher. Nach Einschätzungen der Behörden war der Anschlag islamistisch motiviert. Ermittelt wird trotz seines psychischen Zustands wegen versuchten Mordes in mindestens drei Fällen.

Der Terrorverdächtige hatte damit gedroht, Sprengstoff in einer Munitionskiste in die Luft sprengen zu wollen. Er drohte in arabischer Sprache, dass alle sterben werden. Später stellte sich heraus, dass Werkzeug in der Kiste war. Neben seinem Terror-Auto rollte er einen Gebetsteppich aus, rief mehrfach die Worte „Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte). Er war mit einem Küchenmesser bewaffnet. Ein Arabisch sprechender Polizist, der als Erster am Tatort war, überwältigte den Terrorverdächtigen.

Die Stadtautobahn auf Höhe der Alboinstraße in Tempelhof. Polizisten haben die mehrspurige Straße gesperrt. Es bildeten sich lange Staus. Etwa 300 Menschen mussten ihre Autos verlassen und zu Fuß weitergehen. Foto: Morris Pudwell

Mittlerweile zeichnet sich immer mehr ein genaues Bild über Sarmad A. ab. Der Amokfahrer macht den Eindruck eines psychisch gestörten Fanatikers, der nicht wie Attentäter Anis Amri aus einem großen islamistischen Netzwerk heraus agierte. Vielmehr wirkt er wie ein radikaler Einzeltäter, der sich auf seiner Facebook-Seite gerne als Märtyrer inszenierte. Seine Internetauftritte polierte er mit Fotos von Koranbüchern auf und zitierte zum Teil radikal-islamische Sprüche. Die umstrittene Dar as-Salam Moschee hatte er mit „Gefällt mir“ markiert. Die Neuköllner Begegnungsstätte war im Visier des Verfassungsschutzes, weil dort Anhänger der Muslimbruderschaft ein- und ausgingen.

„Der Staatsschutz hat ihn zwar als einen Bekannten eines Gefährders hier in Berlin registriert“, so Innensenator Andreas Geisel (SPD). Sie hätten beide sogar in einem Wohnheim gelebt. Das sei aber „schon eine ganze Weile her“. Laut dem Staatsanwaltssprecher Martin Steltner werde jetzt nach den Kontakten gesucht. Die Sicherheitsbehörden hatten ihn trotzdem nicht auf dem Radar, sagt ein Sprecher der Innenverwaltung.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft leidet Sarmad A. unter einem „bizarren, religiösen Wahn“. Der 30-Jährige ist aufgrund seines psychischen Zustands im Maßregelvollzug untergebracht. Die Unterbringung sei eine erste Momentaufnahme und bedeute nicht automatisch, dass der Angreifer schuldunfähig ist.

Der Mann, der 2016 über Finnland nach Deutschland einreiste und Asyl beantragte, behauptet, Iraker zu sein. Nach Ablehnung seines Asylantrages 2017 wurde er nicht abgeschoben, weil Deutschland seit Jahren keine Menschen in das Bürgerkriegsland zurückschickt. Vor einer Flüchtlingsunterkunft in Alt-Glienicke soll er einen Wachschützer geschlagen haben. Er wurde jedoch aufgrund seines psychischen Zustandes für schuldunfähig erklärt.