Ein Einbrecher macht sich bei einem Kellerfenster zu schaffen (Symbolfoto). imago/Jochen Tack

Weniger Einbrüche, weniger Gewalt – dafür mehr Betrug, mit dem die Organisierte Kriminalität in das große Geschäft mit Corona eingestiegen ist: Die Pandemie bringt die Kriminalstatistiken kräftig durcheinander.

Zwar kann die Polizei noch keine Zahlen für das ganze Jahr nennen. Aber von Jahresbeginn bis einschließlich der ersten Septemberwoche hatte sie 19.235 Vorgänge weniger zu bearbeiten als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das sind 18,6 Prozent. „Dieser Rückgang kann mit größter Wahrscheinlichkeit auf die Folgen von Covid-19 zurückgeführt werden“, sagte eine Polizeisprecherin auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Den Rückgang der Kriminalität registrierte die Polizei in allen wesentlichen Deliktsbereichen, unter anderem bei den Sexualdelikten (minus 20 Prozent) und den Rohheitsdelikten (minus 14,4 Prozent).

Deutliche Rückgänge, vor allem im Frühjahrs-Llockdown, gab es bei den Eigentumsdelikten, die häufig von Banden begangen werden, die europaweit von Stadt zu Stadt reisen. So nahm der Kfz-Diebstahl um 80 Prozent ab. Der Taschendiebstahl ging um 52,6 Prozent zurück. Die Diebe nutzen für ihre Taten gern dichtes Gedränge, etwa auf Rolltreppen oder in Warenhäusern, was es in diesem Jahr nur selten gab.

Auch der Wohnungseinbruch ging um fast die Hälfte zurück – um 48,5 Prozent. Im Lockdown waren die meisten Menschen in ihren Wohnungenpermanent zu Hause. Auch der Umstand, dass viele Beschäftigte auch nach der Lockerung des Lockdowns im Sommer von zu Hause aus arbeiteten, machte es den Einbrechern schwer.

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Zeit, den Keller aufzuräumen – und den Einbruch zu entdecken

Eine Ausnahme bildete der Keller- und Bodeneinbruch: Während der Totaleinschränkungen im Frühjahr stiegen die Fallzahlen laut Polizei um 28,8 Prozent. Möglicherweise nahmen Diebe die Keller ins Visier, weil es wegen der Anwesenheit der Bewohner schwieriger wurde, in Wohnungen einzusteigen, vermutet man im Polizeipräsidium. Denkbar sei aber auch ein anderer Grund: Viele hätten die Gelegenheit genutzt, die Keller aufzuräumen. Dabei seien viele Diebstähle entdeckt worden, die schon länger zurücklagen.

Auch der öffentliche Personennahverkehr verzeichnet naturgemäß Rückgängewar 2020 seltener betroffen. In den leereren Bussen und Bahnen gab es von Jahresbeginn bis in die erste Septemberwoche 1034 weniger Straftaten wie Beleidigung, Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Bedrohung, Raub, Sachbeschädigung, Sexualdelikte oder Diebstahl. Das isHier gab es insgesamt einen Rückgang von 31,1 Prozent.

Vor, während und nach dem Frühjahrslockdown schwankten die Fallzahlen beträchtlich. Zum Beispiel hatte die Polizei Anfang des Jahres noch einen Anstieg bei den gefährlichen und schweren Körperverletzungen um 9,4 Prozent registriert. Im Frühjahrs-Llockdown gab es dann zum Vergleichszeitraum einen Rückgang um 347 Fälle beziehungsweise um 14,7 Prozent. Mit den Lockerungen und im Sommer, und als etwa in den Parks viele illegale Partys gefeiert wurden, stiegen die Fallzahlen wieder an. Im September lagen die Fälle sogar um 13,4 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

Corona bieteot Betrügern zum Teil dagegen völlig neue Geschäftsfelder: etwa den Subventionsbetrug. So hatten sich Betrüger bis Mitte September in 1867 bekannt gewordenen Fällen insgesamt 17,28 Millionen Euro an Corona-Hilfen erschlichen, die von der Investitionsbank Berlin unbürokratisch ausgegeben wurden. So gaben sie zum Beispiel zum Schein Firmensitze an, an denen es aber gar keine Geschäftstätigkeit gab.

In weit mehr als 200 Fällen wurden ältere Menschen Opfer von Corona-Betrügern. Einige Täter gaben sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes aus und boten „kostenpflichtige und schnelle Corona-Tests“ an. Andere wiederum habwandelten die Masche mit dem Enkeltrick abgewandelt, mit dem sie es bei hochbetagten Menschen versuchen: Am Telefon geben sich die Täter als Angehörige aus und behaupten, mit dem Coronavirus infiziert zu sein. Sie täuschen vor, finanzielle Unterstützung für die Behandlung zu benötigen und bitten ihre Opfer um Geld und andere Wertgegenstände, die ein Freund abholen werde. Die Europäische Polizeibehörde Europol berichtet, dass Betrüger auch minderwertige Maskenimitate und gefälschte Medikamente oder angebliche Corona-Test-Kits vertreiben.

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Europol: Das Organisierte Verbrechen bietet gefälschte Impfstoffe an

Momentan orientieren sich Verbrecher auf den Impfstoff. Unter anderem versuchen Banden, mit Telefonanrufen an Geld zu kommen, etwa indem sie gegen eine Vorauszahlung eine frühzeitige Impfung versprechen. Nach ErscheinenFreigabe der Vakzine könnten Betrüger dies nutzen, um mit unseriösen Angeboten Kasse zu machen, sagte Europol-Pressesprecher Jan Op Gen Oorth vor kurzem dem MDR.: „Wir gehen davon aus, dass das organisierte Verbrechen sehr schnell aktiv wird und dann online gefälschte Impfstoffe anbietet“, so Op Gen Oorth.“ Diese gefälschten Impfstoffe wirkten im besten Fall einfach nicht. Im schlimmsten Fall seien sie tödlich.

Im Darknet verkaufen sdie Betrüger bereits gefälschte Covid-Impfstoffe für 250 Dollar, wie die auf Cybersicherheit spezialisierte israelische Firma Check Point Software Technologies herausfand. „Die Angebote im Darknet hinsichtlich der Impfstoffe sollte niemand auch nur in Erwägung ziehen, da es sich hierbei bestenfalls um Placebos, schlimmstenfalls um gesundheitsgefährdende Substanzen handeln kann – falls überhaupt etwas geliefert wird“, warnt die Firma in ihrem Blog.

Die Polizei richtet sich auch darauf ein, dass Kriminelle versuchen, an echte Impfdosen zu gelangen, und hält die Impfzentren in der Stadt für hoch gefährdet.

Wenngleich es eindeutige Anstiege oder Absenkungen von Fallzahlen je nach Kriminalitätsphänomen gibt, so gibt esbesteht bei anderen Delikten viel Interpretationsbedarfspielraum. Etwa bei den Sexualstraftaten. Während bei Vergewaltigungen am Jahresbeginn ein deutlicher Anstieg um 27,2 Prozent gemessen worden war, lagen bei der Polizei die Zahlen während des Lockdowns um 4,8 Prozent niedriger als im Vergleichszeitraum. Danach gab es nur eine leichte Steigerung der Fallzahlen.

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Gleichzeitig verzeichnete aber nach Angaben der Justizverwaltung die Gewaltschutzambulanz im ersten Halbjahr einen Anstieg von acht Prozent auf 783 Fälle. Eine Erklärung für diese Diskrepanz gibt es noch nicht. Das Bundeskriminalamt geht generell von einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Fälle aus. BKA-Chef Holger Münch sagte im vergangenen Monat. „Es gibt erste repräsentative Befragungen, die darauf hindeuten, dass sich das Risiko von Gewalt wegen Corona erhöht.“

Auch in der Weihnachtszeit dürfte es wieder zu Konflikten hinter verschlossenen Wohnungstüren kommen. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) ließ deshalb mitteilen, man sei auf einen Anstieg häuslicher Gewalt vorbereitet. „Die Gewaltschutzambulanz bleibt geöffnet, damit Gewaltdelikte rechtssicher dokumentiert werden können“, so Behrendt. „Die Familiengerichte bleiben ebenfalls erreichbar. Um die Feiertage herum herrscht beim Familiengericht erfahrungsgemäß Hochkonjunktur. Vor den Feiertagen geht es um den Weihnachtsumgang. Nach den Feiertagen geht es um Gewalt unter dem Weihnachtsbaum. In dieser Zeit lassen wir die Betroffenen nicht im Stich.“