Zukünftig sollen sogenannte Super-Recogniser die computergestüzte Gesichtserkennung bei Ermittlungen der Polizei ergänzen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Menschen haben das Zeug zum „Super-Recogniser“ und schlagen mit ihrer angeborenen Begabung, Gesichter zu verarbeiten, jede bisher verfügbare Software. Egal wie flüchtig die Begegnung, wie schlecht das Bildmaterial, wie gealtert eine Person oder wie groß die Menschenmenge drumherum: Super-Erkenner sind überragend gut darin, Gesichter zu identifizieren und auch Jahre später aus dem Gedächtnis abzurufen. Erlernen oder trainieren lässt sich diese Fähigkeit nicht.

Offiziell sind Super-Recogniser bereits in München und Stuttgart seit mehreren Jahren im Polizeieinsatz. Auch die Berliner Polizei will sich diese Ausnahmetalente künftig zunutze machen und wird ab Oktober 18.000 Vollzugsbeamte und -beamtinnen auf ihre Gesichtserkennungsfähigkeiten hin testen. Berlin ist dann das erste Bundesland, das Super-Recogniser gezielt zur Verbrechensbekämpfung einsetzt. Nordrhein-Westfalen und Bayern könnten zeitnah folgen.

Was Super-Erkenner zu ihrer Leistung befähigt, ist unklar, das Forschungsfeld noch jung. 2009 stellten Wahrnehmungspsychologen bei einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Gesichtsblindheit erstmals fest, dass es am anderen Ende der Skala eine kleine Gruppe von Menschen gibt, die sich unbekannte Gesichter extrem gut merken können oder aber überragend gut darin sind, Gesichter abzugleichen – eine Aufgabe, die beispielsweise bei der Passkontrolle zum Tragen kommt und bei der laut einer australischen Studie erfahrene Beamte genauso schlecht abschneiden wie Studenten: In etwa 20% der Fälle ist die Entscheidung falsch. „Auslöser für unser Interesse war der Einsatz von Londoner Super-Recognisern nach den Silvesterübergriffen 2015 in Köln“, sagt der Berliner LKA-Chef Christian Steiof. Zwei Super-Erkenner von der Metropolitan Police unterstützten Anfang 2016 die deutsche Polizei mehrere Wochen dabei, das umfangreiche Videomaterial aus Überwachungskameras beispielsweise vom Bahnhofsvorplatz zu sichten und Tatverdächtige zu identifizieren.

Besser als jeder Computer

Seit 2015 verfügt die Londoner Polizei über die erste Super-Recogniser-Einheit der Welt, die unter anderem an der Aufklärung des Nervengiftanschlags auf den russischen Agenten Sergei Skripal beteiligt war. Eine regelrechte Berühmtheit ist Officer Gary Collins: Ihm gelangen 2011 nach den gewalttätigen Ausschreitungen in London 190 Täteridentifizierungen, darunter auch Stephen Prince, dessen Gesicht unter einer Sturmhaube verborgen war. Seine Augenpartie reichte für die Wiedererkennung aus. Computerprogramme erbrachten mit demselben Material gerade mal einen Treffer.

Gesichtserkennung werde als dritte Säule der kriminaltechnischen Personenidentifizierung – neben Fingerabdrücken und DNA Spuren – in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, sagt Projektleiter Simon Rjosk vom strategischen Innovationsmanagement der Berliner Polizei. Der Einsatz von biometrischer Software ist hierzulande allerdings höchst umstritten: Die einen fürchten die Allmacht potenter Algorithmen und staatliche Überwachung wie in China, die anderen bezweifeln die Zuverlässigkeit existierender Gesichtserkennungssoftware, die vor allem mit Bildern von hellhäutigen männlichen Personen mittleren Alters trainiert wurde und sich generell schwertut, Gesichter zu erkennen, die davon abweichen – sei es hinsichtlich der Hautfarbe, des Alters oder des Geschlechts.

Auch qualitativ mangelhaftes Material, beispielsweise von Überwachungskameras, die von oben herab oft bei schlechten Lichtverhältnissen filmen, ist für die maschinelle Auswertung kaum nutzbar – für Super-Recogniser schon. „Es geht hier nicht um Mensch gegen Maschine, sondern um die Frage, wie wir die Stärken beider am besten kombinieren“, sagt Rjosk. Software kann in kürzester Zeit eine Vorauswahl aus riesigen Datenmengen treffen, ein Mensch leistet im Anschluss die eigentliche Identifizierung. „Super-Erkenner können uns helfen, diejenigen Daten, auf die wir aktuell Zugriff haben, besser, schneller und zuverlässiger auszuwerten.“

Auswertung des Materials vom Breitscheidplatz-Attentat

Dazu gehört auch die Datenbank des Bundeskriminalamtes, in der mehr als 5,8 Millionen Bilder von inhaftierten, zur Fahndung ausgeschriebenen oder erkennungsdienstlich behandelten Personen enthalten sind. Gemeinsam mit der kognitiven Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Schweizer Universität Fribourg hat Rjosk das Testdesign über drei Jahre hinweg entwickelt. „Wir haben mit unterschiedlichen Abteilungen der Berliner Polizei im Vorfeld gesprochen, darunter die Ermittlungsgruppe Video, die damals für die Auswertung des Materials vom Breitscheidplatz-Attentat zuständig war. Um die spätere Aufgabenstellung eines Berliner Super-Erkenners so realistisch wie möglich im Test zu simulieren, benutzen wir authentisches polizeiliches Bildmaterial“, so Ramon, die seit 2016 mit Schweizer Sicherheitsbehörden zusammenarbeitet.

Dieses Echtmaterial ist auch der Grund, dass wegen des Datenschutzes nicht, wie ursprünglich vorgesehen, alle 25.000 Mitarbeiter der Polizei Berlin am freiwilligen Test teilnehmen können. Das Thema Super-Recogniser köchelt derzeit überall in Deutschland. Zeitgleich mit den Berlinern lässt das Polizeipräsidium Frankfurt seine knapp 4000 Mitarbeiter testen, nutzt dafür jedoch das Testverfahren der englischen Universität Greenwich, das bereits bei der Londoner Metropolitan Police, in München und Stuttgart verwendet wurde. München hat derzeit 25 Super-Erkenner im Einsatz, die auch schon auf dem Oktoberfest nach Unruhestiftern Ausschau gehalten haben. Bayern prüft jetzt eine Ausweitung auf die gesamte bayerische Polizei.

Auch Sachsen hat erste Schritte eingeleitet: Als Pilotprojekt wollte sich Leipzig für September zum EU-China-Gipfel bayerische Supertalente ausleihen, was allerdings wegen coronabedingter Absage der Veranstaltung nicht zustande kam. In Köln und Dortmund sind Personen mit diesen Fähigkeiten bereits im Bedarfsfall aktiv. Das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) der Polizei Nordrhein-Westfalen ist nach Angaben des Innenministeriums dabei, ein landeseinheitliches Konzept zur Auswahl und zum Einsatz von Super-Recognisern zu entwickeln beispielsweise für Großveranstaltungen, bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder bei Fällen von Kinderpornografie.

Recogniser-Test der Universität Greenwich

Super-Recogniser hätten 2016 beim Anschlag von Anis Amri am Breitscheidplatz bei der Auswertung des Bildmaterials mit Sicherheit sehr geholfen, ist LKA-Chef Steiof überzeugt. Eine Spezialeinheit wie die Londoner will er in Berlin allerdings nicht aufbauen, sondern die getesteten Super-Erkenner jeweils anlassbezogen oder bei „besonderen Lagen“ wie terroristischen Anschlägen zusammenziehen. Ansonsten verbleiben die Vollzugsbeamten auf ihren bisherigen Dienststellen. Wie viele Personen das betrifft, wird sich im April 2021 zeigen – da soll das Testergebnis vorliegen. Sind Sie auch ein Super-Recogniser? Hier geht es zum Test der Universität Greenwich.