Dämmerung am Ufer des Oberuckersees: Irgendwo hier in Brandenburg liegen möglicherweise fünf getötete Menschen. Foto: Felix Kleymann

Im Wasser des Oberuckersees spiegelt sich das Blau des Himmels und die darüber ziehenden Federwolken. Morgens, kurz nach 10 Uhr, ist es auffallend still hier an einem dieser letzten Märztage 2021. An der Anlegestelle des Anglervereins „Flotter Hecht“ der kleinen uckermärkischen Ortschaft Suckow liegt noch kein Kahn vertäut. Nur ein dunkelgrünes Schlauchboot, auf dessen Seiten in weißer Farbe das Wort „Polizei“ prangt, ruht auf dem Wasser. Es wackelt, als vier Männer in das Boot steigen, darunter ein Taucher mit einer 40 Kilogramm schweren Ausrüstung. Kleine Wellen breiten sich kreisförmig in alle Richtungen aus. Kurz darauf wird die Stille vom Knattern des Heckmotors unterbrochen.

Das Boot nimmt Kurs auf das andere Ufer der Großen Lanke, das nur über den Wasserweg erreicht werden kann. Der Oberuckersee ist fast neun Kilometer lang, an seiner breitesten Stelle misst er 1800 Meter, die maximale Tiefe liegt bei 28 Metern. Die Große Lanke ist der südliche, schmaler werdende Zipfel des Gewässers. Vom Steg des Anglervereins bis zum gegenüberliegenden Ufer sind es gerade mal 200 Meter. Auch hier sind es bis zum Grund neun Meter. Tief genug, um Geheimnisse für immer zu verbergen.

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Die Männer, die im Schlauchboot zur anderen Seite der Lanke unterwegs sind, gehören zur Tauchergruppe der Brandenburger Polizei, die das Areal des „Flotten Hechts“ an diesem Tag zum dritten Mal zu ihrem Stützpunkt gemacht hat. Ein paar Meter vor dem Schilfgürtel am anderen Ufer geht das Schlauchboot vor Anker. Der Taucher kippt, an einer Leine befestigt, rückwärts in das Reich unter der Wasseroberfläche. Die schwere Ausrüstung zieht ihn bis auf den fünf Meter tiefen Grund hinunter, der zu dieser Jahreszeit noch nicht dicht mit Pflanzen bewachsen ist.

Es geht um Körperverletzung, um Totschlag und um Mord

Der Mann unter Wasser sucht an diesem Vormittag Meter für Meter den Boden ab – nach den Spuren eines Verbrechens, nach fünf Leichen, nach Mordopfern, die vor mehr als 20 Jahren irgendwo in Ufernähe versenkt worden sein sollen. „Es gibt einen Anfangsverdacht“, sagt Dennis Lenz, der 37 Jahre alte Truppführer, über den Einsatz seiner Tauchergruppe. Mehr will er nicht sagen, verweist vielmehr auf die Berliner Kollegen der Mordkommission, in deren Auftrag die Taucher im See unterwegs sind.

Was sich vor so langer Zeit am Oberuckersee zugetragen haben könnte, ist ein Krimi, der in dieser entlegenen, heilen Welt des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin unglaublich wirkt und von dem die Ermittler nicht wissen, ob er real ist oder fiktiv.

Im Februar des vergangenen Jahres schickten Beamte einer Berliner Polizeiwache einen Zeugen, der Anzeige wegen Körperverletzung erstatten wollte und der dabei etwas über einen ehemals guten Kumpel zu berichten wusste, zur fünften Mordkommission, zu Christian Zorn. Er war zuständig. Denn das, was der Mann am Ende preisgab, hatte nicht nur mit Körperverletzung zu tun. Es ging um Tötungsdelikte, um Totschlag, vielleicht sogar um Mord. Und Mord verjährt nicht.

Taucher Niklas T. der Potsdammer Tauchereinheit kurz nach seinem Taucheinsatz im Oberuckersee. Foto: Felix Kleymann

Zorn ist 46 Jahre alt und Kriminalhauptkommissar. Er ist ein Hüne mit schulterlangem Haar und passionierter Radfahrer. Die frische Luft hat ihm eine leichte Röte auf die Wangen gezaubert. Er wirkt wie ein Fitnesstrainer, nicht wie ein Mordermittler. Zorn geht einer Zeugenaussage nach, die Dietmar C., eine ehemalige Größe aus dem Berliner Rotlichtmilieu, schwer belastet.

Er soll fünf Menschen auf dem Gewissen haben und die Toten Mitte bis Ende der 90er-Jahre in der Großen Lanke des Oberuckersees versenkt haben. Eingehüllt vielleicht in Folie und beschwert mit Steinen oder anderen Gewichten. Bei den Toten könnte es sich um einstige Kontrahenten aus der Unterwelt handeln. Der Zeuge gab an, sein Gewissen erleichtern zu wollen, nachdem er und Dietmar C. im Streit auseinandergegangen seien.

Räuberische Erpressung mit einer Maschinenpistole

Zorn war skeptisch, ein gewisses Misstrauen gehört in seinem Job dazu. Die Ermittler müssen nicht alles glauben, was ihnen aufgetischt wird. Doch Zorn bohrte nach bei dem Mann, der ihm gegenüber saß. Er suchte nach Anzeichen einer Lüge. Er habe ihm sogar eine Brücke gebaut, damit er sich nicht wegen Vortäuschens einer Straftat strafbar machte. Doch der Zeuge blieb hartnäckig bei seinen Angaben: Dietmar C. habe ihm nach und nach von den Verbrechen und den Toten in der Großen Lanke erzählt.

Der Mordermittler begann zu recherchieren. Er bekam heraus, dass es sich bei Dietmar C. um einen ehemaligen Türsteher und Zuhälter handelt, der zuletzt Anfang der 2000er-Jahre vom Landgericht Berlin wegen schwerer räuberischer Erpressung zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Bei seinen Taten hatte er auch Schusswaffen eingesetzt – unter anderem eine Maschinenpistole vom Typ Skorpion.

Dietmar C. hatte eine Prostituierte, die sich weigerte, weiter für ihn zu arbeiten, bedroht und zu einer Abstandszahlung genötigt. Er forderte von einem Zuhälter-Kollegen gewaltsam ein Strafgeld, weil er versucht hatte, eine für ihn arbeitende Prostituierte abzuwerben. Eine übliche Vorgehensweise im Milieu. Und Dietmar C. hatte für seine Auftraggeber in Berlin unter Todesdrohungen und mit brutaler Waffengewalt mehrmals Schulden eingetrieben. Um zu zeigen, wie ernst er es meinte, hielt er seinen Opfern schon mal eine Pistole an den Kopf.

„Dietmar C. war eine richtige Kampfmaschine“

Dietmar C. kam vor dem Landgericht mit einer relativ milden Strafe von acht Jahren davon, weil er ein „umfangreiches, schonungsloses, da in hohem Maße selbstbelastendes Geständnis“ abgelegt, Komplizen und Auftraggeber namentlich beschuldigt und auch Taten zugegeben hatte, die der Polizei bis dahin nicht bekannt waren.

„Ich habe mich natürlich gefragt, ob dieser Mann auch fähig war, Menschen zu töten“, sagt Zorn. Und warum er gerade den Oberuckersee wählte, um seine Opfer verschwinden zu lassen. Dietmar C. mit den Vorwürfen direkt zu konfrontieren, dazu fehlten dem Kriminalisten die Indizien. Zorn sagt, er habe dazu etwas „mehr Substanzielles mitbringen“ müssen. Hinzu kam, dass Dietmar C. schwer erkrankt in einer Klinik lag.

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Bei seinen Ermittlungen stieß Christian Zorn auf einen Kollegen, der Dietmar C. gut kannte. Einen Kriminalisten, bei dem der Beschuldigte Ende der 90er-Jahre eine Lebensbeichte abgelegt hatte: Michael Adamski, Kriminalhauptkommissar, 62 Jahre alt und Ermittler im Landeskriminalamt, Abteilung 443, „Qualifizierte Eigentumskriminalität“. Er bezeichnet Adamski als Glücksfall. Und als er hörte, was Adamski über Dietmar C. zu berichten wusste, da war dem Mordermittler klar: „Ich hatte es bei dem Tatverdächtigen mit einer Täterpersönlichkeit zu tun, die in der Lage war, jemanden umzubringen.“

„Dietmar C. war mit seinen 1,60 Metern eine richtige Kampfmaschine“, erinnert sich Adamski, ein drahtiger Mann mit getönter Brille, der kurz vor dem Ruhestand steht und der ein phänomenales Gedächtnis zu haben scheint. Denn viel war nicht mehr über Dietmar C. im Polizeisystem zu finden. Schon gar nicht über die Persönlichkeit des Mannes. Dietmar C. habe Kampfsport und Bodybuilding betrieben und in seiner kriminellen Karriere auch rücksichtslos zur Schusswaffe gegriffen. Nach der Haftentlassung sei Dietmar C. noch zweimal bei ihm, dem Kriminalbeamten, aufgetaucht. Wohl um zu zeigen, dass er auf den rechten Weg gefunden hatte.

Rotlichtmilieu, Waffen und Schutzgelderpressung

Dietmar C. stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. Er wuchs offenbar unter einem tyrannischen Vater auf. So hat es der Zeuge, der ihn mit den Mordtaten belastete, den Ermittlern erzählt. Der Vater soll dem Sohn den sehnlichen Wunsch nach einem Hund erfüllt und diesen später getötet haben, weil sich Dietmar nicht um das Tier gekümmert hatte. Den abgeschnittenen Hundekopf soll der Vater in das Kinderzimmer des Sohnes geworfen und gesagt haben: „Das ist passiert, weil du dich nicht um ihn gekümmert hast.“

Mordermittler Zorn sagt, die Biografie von Dietmar C. zeige, zu welch desaströsen Folgen Viktimisierungserfahrungen in der Kindheit führen könnten. Irgendwann habe sich Dietmar C. vermutlich geschworen, nicht mehr Opfer zu sein, sondern selbst Macht über Menschen auszuüben. „Aus Opfern werden so oftmals Täter“, sagt der Kriminalist. Wenn solche Menschen wüssten, wie schlimm Demütigungen seien, dann sei es für sie scheinbar heilsam, selbst zu demütigen.

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Aus dem Urteil des Berliner Landgerichts geht hervor, dass Dietmar C. Tischler lernte. Nach der Wende, so erzählt es Michael Adamski, heuerte der Mann im Ostteil der Stadt als Türsteher an, kam so in Kontakt zum Rotlichtmilieu, zu Waffen, zu Schutzgelderpressungen und führte irgendwann den Straßenstrich in der Nähe des Flughafens in Schönefeld. Schon damals sei er mit einer Maschinenpistole unterwegs gewesen und habe missliebigen Konkurrenten schon mal ins Knie geschossen.

„Erwischt wurde er aber nicht deswegen, sondern wegen eines profanen Einbruchs, bei dem er einem Kumpel zuliebe mitgemacht hatte“, erzählt Adamski. Während Dietmar C. Ende der 90er-Jahre in Untersuchungshaft kam, übernahmen seine „Kollegen“ draußen den Schönefelder Straßenstrich. Anlass genug für den Festgenommenen, es seinen Kumpanen heimzuzahlen und sie ans Messer zu liefern. Er verlangte nach Adamski, der damals in der kriminellen Türsteher- und Hooliganszene ermittelte.

„Die Opfer mussten ihr eigenes Grab ausheben“

„Warum er sich mit seiner Lebensbeichte ausgerechnet mir anvertraut hat, kann ich nicht sagen“, sagt Adamski. Dietmar C. habe damals in seiner Vernehmung rund 200 Straftaten zugegeben, wovon die Ermittler 40 Delikte entsprechenden Anzeigen zuordnen konnten. Nicht einmal ein Viertel davon wurde angeklagt. Es ging um schwere räuberische Erpressung, um Waffengewalt. Es ging nicht um ein Tötungsdelikt.

Dabei hatten es die Taten, die Dietmar C. gestand, durchaus in sich. Nicht alles sei vor Gericht zur Sprache gekommen, sagt Adamski. So habe der Zuhälter zugegeben, sich hauptsächlich als Schuldeneintreiber betätigt zu haben. Er schnappte sich die zahlungsunwilligen Schuldner und fuhr mit ihnen in einen Wald nach Brandenburg. „Die Opfer mussten dort ihr eigenes Grab ausheben, dann wurden sie zum Schein hingerichtet. Sie hatten dann solche Angst, dass sie schleunigst zahlten“, erzählt Adamski. Dietmar C. habe die Ermittler damals zu den Orten der Scheinhinrichtungen geführt. Einer lag in der Uckermark.

Was, wenn es reale Hinrichtungen gab?

Michael Adamski konnte seinem Kollegen Zorn auch noch von einem Auftragsmord berichten, den Dietmar C. ausführen sollte, der aber nie vollendet worden sei. So berichtete der Mann davon, von einer Frau engagiert worden zu sein, ihren Ehemann umzubringen. Doch das geplante tödliche Unternehmen sei letztlich an einem Mittäter gescheitert, der kalte Füße bekommen habe. Dieser Fall überzeugte den Mordermittler Zorn davon, weiterzuermitteln.

Fragt man Christian Zorn, wo Dietmar C. seine Opfer umgebracht haben könnte, dann sagt er: „Wenn die Taten begangen wurden, dann vermutlich am See. Denn Dietmar C. beging seine Straftaten nie im sozialen Umfeld.“ Wahrscheinlich exekutierte der Mann seine Opfer mit einer Schusswaffe. Und das Ufer der Großen Lanke bot sich dafür an. Denn hier kannte sich Dietmar C. aus.

Der Oberuckersee war das Urlaubsdomizil des Tatverdächtigen. Dort campierte er oft schwarz mitten in der Wildnis. „Dietmar C. war ein Naturmensch. Er liebte es, draußen zu sein, mit dem Messer zu jagen und zu fischen. Das war sein Bild eines Mannes“, sagt Kriminalhauptkommissar Zorn. Das Areal des Anglervereins „Flotter Hecht“ ohne dazugehöriges Vereinsheim hat Dietmar C. offenbar mehrfach besucht. Es ist perfekt, um ungestört Leichen am Steg in ein Boot zu bugsieren und dann zu versenken. Die ersten Einfamilienhäuser des 120 Einwohner zählenden Ortes Suckow liegen rund 100 Meter entfernt hinter einem Hügel. Ein Plattenweg führt über den kleinen Berg zum See.

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Doch müssten die Menschen, die Dietmar C. beseitigt haben soll, nicht vermisst werden? Christian Zorn sagt, dass er alle Vermisstenfälle von damals durchgegangen sei – nichts passe zu dem möglichen Verbrechen in der Uckermark. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Vermissten nicht gemeldet wurden, weil sie zum Milieu gezählt hatten.

Drei Varianten hat sich der Ermittler zurechtgelegt. Entweder hat der Zeuge die Wahrheit gesagt: Dietmar C. gestand ihm die Morde und hatte sie auch verübt. Oder Dietmar C. erzählte die Schauergeschichten, um seinem Kumpel zu imponieren. Oder der Zeuge lügt und Dietmar C. hat nie von solchen Verbrechen gesprochen. Doch daran glaubt Zorn nicht. „Er macht auf mich einen glaubwürdigen Eindruck.“

Man findet Kochen und Material, mit dem Leichen beschwert werden

Weil die Verbrechen also real stattgefunden haben könnten, lässt der Mordermittler auch noch weitersuchen im Wasser des Oberuckersees. „Wir können nicht ausschließen, etwas zu finden. Die Wahrscheinlichkeit kann niemand prognostizieren. Aber dafür sind wir die Mordkommission“, sagt Zorn. Sie würde alles unternehmen, was möglich sei – nicht zuletzt, um etwaigen Angehörigen von Opfern Gewissheit zu geben.

Beim bisher dritten und letzen Tauchgang der Brandenburger Polizei in dieser Woche hat der See sein mögliches Geheimnis noch nicht preisgegeben. Die Taucher wollen in den kommenden Tagen die nächsten Abschnitte der Großen Lanke absuchen. Sie sind durchaus optimistisch, noch auf Spuren zu stoßen. „Man kann selbst nach langer Zeit etwas finden: Knochen, Knochenteile, Material, mit dem Leichen beschwert wurden“, sagt Dennis Lenz.

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Es wäre nicht das erste Mal, dass Leichen auch nach so langer Zeit aus märkischen Gewässern geborgen werden. Vor acht Jahren etwa fand ein Angler im Liepnitzsee nördlich von Berlin den Torso eines Mannes. Experten glauben, dass die Leiche mehrere Jahrzehnte im See gelegen hatte. Die Kleidung des Toten, ein Unterhemd und die noch vorhandenen Teile einer Präsent-20-Hose, war in der DDR produziert worden. Der Mann konnte bis heute nicht identifiziert werden.

Christian Zorn kann Dietmar C. nicht mehr befragen, ob an dem Verdacht, er habe fünf Mordopfer in den Oberuckersee geworfen, etwas dran ist. Drei Wochen nachdem ihn sein einstiger Kumpel bei der Mordkommission belastet hatte, starb der Tatverdächtige mit 54 Jahren im Krankenhaus an den Folgen seiner Alkoholsucht. Das Geheimnis der fünf Leichen im Oberuckersee nahm er mit ins Grab.