Was kann man sagen, wenn es einem Freund schlecht geht? Das fragt sich auch KURIER-Autorin Sabine Stickforth. imago/Panthermedia

Liebe Leserinnen und liebe Leser, als ehemalige Berufsfotografin werde ich öfter mal gebeten, im Freundeskreis kleine Fotowünsche zu erfüllen. Es war nun an der Zeit, einem guten Freund die Bestätigung zu schicken, dass ich zu seinem Geburtstag die Fotos der Feier übernehme. Er hatte schon vor fast zwei Wochen angefragt.

Was sollte ich jetzt schreiben? Es wird alles gut? Bleib tapfer?

Die E-Mail war flugs geschrieben und schnell kam Karls Antwort: Danke, aber der Geburtstag falle aus, da er im Krankenhaus liege. Die Diagnose sei noch nicht klar, aber es klang wie die Wahl zwischen Pest und Cholera in der Moderne. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Karl ist ein Mittfünfziger, war bisher immer gesund, treibt Sport und versucht, sich halbwegs gesund zu ernähren.

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Und nun? In meinem Kopfkino waren die Bilder Hals über Kopf da: lange Aufenthalte im Krankenhaus, die Folgen der Chemo, die Fragen der Kinder, die Firma lange Zeit ohne Chef … Was sollte ich jetzt schreiben? Es wird alles gut? Bleib tapfer? So ein Quatsch. Was tröstet wirklich? Ich fand einfach keine Antworten auf diese Fragen. Gibt es Worte, die trösten? Ich überlegte lange, kramte mich durchs Bücherregal, schließlich gibt es zu jeder Lebenslage einen neunmalklugen Ratgeber. Ich blieb ratlos, schob Formulierungen durch den Kopf.

Nach einer Weile war ich mir sicher, dass es nicht DIE richtigen Worte gibt, aber jede Reaktion besser ist als Sprachlosigkeit. Dank Internet wusste ich umgehend, welche Regeln einzuhalten sind, um einen Patienten im Krankenhaus zu besuchen. Dann kaufte ich den neusten Krimi meiner Lieblingsautorin in der Hoffnung, dass die Geschichte Karl wenigstens für Minuten gedanklich aus dem Krankenbett entführt.

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Es wurde ein schwerer Gang ins Krankenhaus

Es wurde ein sehr schwerer Gang, noch am Empfang des Krankenhauses sagte ein Teil von mir, ich solle lieber umkehren. Ich hörte auf den anderen Teil. Als ich am Zimmer 327 klopfte, zitterten meine Hände … Auf dem Rückweg war ich mir sicher, dass ich genau das Richtige getan habe. Nicht jeder Gesprächsfaden verknüpfte sich, wir stammelten an manchen Stellen und schwiegen auch ein paar Minuten gemeinsam – aber besser zusammen gar nichts sagen, als allein wegzutauchen.

Ihre Sabine Stickforth

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KURIER-Autorin Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag über das Leben über 50 in Berlin.
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