Flüssiger Beton läuft von der Baustelle in unmittelbarer Nachbarschaft durch das aus der Wand gerissene Fenster ins Zimmer.
Flüssiger Beton läuft von der Baustelle in unmittelbarer Nachbarschaft durch das aus der Wand gerissene Fenster ins Zimmer. zVg/privat

Eine Kolumne hat in aller Regel keinen zweiten Teil. Doch die Geschichte vom verschwindenden Fenster, die ich Ihnen in der  vergangenen Woche erzählte, ruft lautstark nach einer Fortsetzung. Es lässt sich nicht überhören. Denn auch für den Freund von mir mit der schönen Altbauwohnung im angesagten Kiez in Ost-Berlin gab es einen großen Knall.

Was bisher geschah: Ein Fenster im Wohnzimmer des Freundes sollte einem Neubau auf der Brache neben seinem Haus weichen. Weil das neue Gebäude direkt an seinem adretten Altbau hochgezogen werden soll. Und weil das Fenster, um das es hier geht, einst wahrscheinlich zu DDR-Zeiten illegal in eine ansonsten ausgucklose Wand eingebaut wurde. Nun sollte es zugemauert werden. Ganz nah, Seit an Seit sozusagen, sollen das alte Haus und sein neuer schicker Bruder zukünftig stehen.

Schneller als die Maurer

Doch offenbar waren die Arbeiter auf der anliegenden Baustelle schneller als die Maurer. Sie zogen das neue Gebäude, in dem Eigentumswohnungen entstehen werden, Stock für Stock in die Höhe. Montierten eine Verschalung nach der anderen, gossen sie nach und nach mit Beton aus. Bald würden sie in der  dritten Etage, vor der Wohnung mit dem nun nicht mehr gebrauchten Fenster ankommen.

Der Freund, von dem hier die Rede ist, konnte das Tun der Bauarbeiter eine Weile durch sein Fenster verfolgen.  Erst schaute er ihnen von oben zu. Dann waren sie schon auf seiner Höhe. Und irgendwann war es dunkel geworden. Fenster nun dicht, dachte er sich und hatte sich zu diesem Zeitpunkt auch gedanklich schon von dem Ausblick auf die belebte Straße und der Abendsonne auf seinem Schreibtisch verabschiedet.

An eben diesem saß er, als es einen gewaltigen Rumms gab. Nach einer Schrecksekunde erkannte der Freund, dass es das Fenster mitsamt dem Rahmen aus der Wand gerissen hatte. Was für ein Mist, lamentierte er erst ein bisschen vor sich hin. Fast noch gelassen. Doch dann quoll gaaanz  langsam eine graue Masse unter dem Fensterbrett hervor. Erst war es nur ein bisschen, dann etwas mehr und dann schon ganz schön viel. Ähnlich wie im Grimm'schen Märchen vom süßen Brei wurde der flüssige Beton immer mehr. Kroch über den Fußboden, eroberte den Teppich, türmte sich vor der Couch. Und durch den Spalt waberte kontinuierlich weiter stinkender Nachschub.

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Als dieses Foto entstand, war das Fenster schon fast völlig durch das nebenan entstehende neue Haus verdunkelt.
zVg/privat
Als dieses Foto entstand, war das Fenster schon fast völlig durch das nebenan entstehende neue Haus verdunkelt.

Da war guter Rat teuer. Wer hat schon eine Telefonnummer des Chefs eines Bauvorhabens, mit dem er eigentlich nichts zu tun hat. Der Freund eilte also die Treppen hinunter und suchte auf der großen Baustelle einen Verantwortlichen. Als er ihn endlich fand, mochte der die Geschehnisse erst gar nicht glauben. Erst als der Freund forderte, er möge sich die Malaise selber ansehen, wurde der Bau-Profi aktiv. Er kommandierte drei seiner Leute in die Wohnung und ließ sie den flüssigen Beton in Eimer schippen. Unterdessen schwenkte ein Kran mit einem Betontrichter an seinem Haken vor ein anderes Fenster der Wohnung. Dort kippten die Arbeiter dann die Eimer aus. Viel Male. Endlich versiegte der Betonbrei am Fenster und alles war hinlänglich entsorgt.

Nach dem Beton-Einbruch waren unzählige Putzrunden notwendig

Über das Geschehen nachzudenken, dazu hatte der Freund allerdings nicht übermäßig viel Zeit, schließlich wollte die Wohnung von Betonüberresten befreit werden. Nach unzähligen Putz-Runden war der Geplagte erschöpft und die Wohnung notdürftig wieder hergerichtet. Und über dem Chaos hing ein feuchter Duft nach Zement, Bau und Verzweiflung.

Sollten Sie sich jetzt fragen, wie die Geschichte weitergeht - darauf bin auch ich sehr neugierig. Sollte ich es erfahren, gibt es vielleicht noch einen dritten Teil dieser Kolumne.

Wie im Märchen vom süßen Brei wurde der Beton immer mehr und mehr und mehr.
Wie im Märchen vom süßen Brei wurde der Beton immer mehr und mehr und mehr. zVg/privat

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com