Beim Spazieren durch die Stadt kann man andere Leute beim Leben und Wohnen beobachten. Foto: imago/robertkalb photographien

Wir genießen dieser Tage einen Sommer, der uns weder Sahara-Hitze noch pudelnasse Tage in endloser Reihe bringt. Ganz normales Berlin-Brandenburger Sommerwetter. Viele baden in einem See, gehen ins Kino oder Konzert und ab in ein Lokal. Selbst tanzen kann man in Berlin wieder. Die Corona-Angst scheint in den Hintergrund gerückt. Impfdebatte hin, Lambda-Variante her.

Alle KURIER-Kolumnen finden Sie auf unserer Kolumnen-Seite! >>

Doch schon in normalen Jahren ist der August jener Sommermonat, in dem sich Überlegungen zum  bevorstehenden Winter nicht völlig vermeiden lassen. Manchmal wird man schon berührt von einem Hauch von Herbst. Schließlich brennen vier Monate später schon wieder Adventskerzen. In diesem Jahr ist das wohl bei vielen noch ausgeprägter – sie spüren die baldige Ankunft der kühleren Jahreszeiten und machen sich so ihre Corona-Gedanken. Düstere meist. „Vierte Welle“ – das hört man jetzt gar nicht mehr so selten.

Ich erinnere mich an den vergangenen Winter als eine Zeit des ständigen Durch-die-Gegend-Laufens.  Spazieren war damals das neue Ausgehen. Fast die einzige Möglichkeit, dem Homeoffice und  den Pandemie -Nachrichten zu entfliehen. Alles hatte zu, nur die Straßen blieben offen. 

Es kann so einfach sein, den Corona-Nachrichten zu entfliehen

Am Anfang gab es noch viele Verabredungen zum gemeinsamen Flanieren. Mit meiner Mutter, Freundinnen, der Nachbarin. Das brachte Gemeinschaftsgefühl, Gespräche und manchmal auch einen Rotwein aus dem Rucksack. Und neben, hinter und vor uns waren viele weitere kleine Spazier-Grüppchen unterwegs. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ich am besten allein durch die Gegend streife. Mein Tempo, meine Phantasien, meine  Kilometer. Die einsame Spaziergängerin von Pankow-Nord.    

Meist zog ich los, wenn die Dämmerung sich ankündigte. Erst in die Parks und wenn es richtig dunkel wurde, durch kleine Wohnstraßen. Mein Blick blieb immer wieder an beleuchteten Fenstern von Parterre-Wohnungen hängen. Viele Menschen ziehen ihre Vorhänge nicht zu, gewähren für ein Momentchen Einblick in ihr Privates.

Beleuchtete Fenster gewähren für einen Moment Einblicke in andere Welten. Foto: imago/Sabine Gudath

Ich blickte in abenteuerlich möblierte WG-Zimmer und schlichte Schrankwand-Wohnstuben, bewunderte Bilder röhrender Hirsche und einmal sogar ein Fahrrad auf dem Hochbett. Und da, wo die schicken Neubauten stehen, sah ich Familien, die sich in der spiegelblank schimmernden Küche um die Luxus-Kochinsel versammelten. Gardinen oder Rollos Fehlanzeige, warum nicht zeigen, was man gerade angeschafft hat.  

Im Osten wohnten wenige parterre  

Derart freizügiges Wohnen im Erdgeschoss hatte ich in Berlin zuvor so nicht wahrgenommen. Aus dem Auto oder vom Fahrrad hat man eine andere Sicht. Und ich erinnerte mich an das Ost-Berlin der 1980er, damals wohnten nur wenige zu ebener Erde. Viele der unteren Fenster an den alten Häusern in Prenzlauer Berg waren zugemauert, mit Brettern vernagelt oder anderswie verrammelt.

Eine der Ausnahmen war damals das bunt beklebte Wohnatelier des Künstlers und Fotografen Peter Woelck an der Ecke Kastanienallee/Schwedter Straße. Er ließ sich beim Wohnen und Arbeiten von Passanten zusehen. 

Peter Woelck wohnte und lebte in Prenzlauer Berg an der Ecke Kastanienallee/Schwedter Straße in einem Erdgeschoss-Atelier. Der Fotograf starb im Jahr 2010.  Foto: imago/Christian Thiel

Das war einst ungewöhnlich, heute ist es bei vielen gelebter Alltag.  Die Wohnküche wird zum einsehbaren Yoga-Studio, die Netflix-Serie kann auch von der Straße aus verfolgt werden und den Bauklötzchen-Turm neben einem Dreijährigen hört man förmlich umfallen. Es gibt viel zu entdecken beim Gang ums Karree.  

In diesem Sommer gab es für mich Spannenderes, als um die Häuser zu laufen. Aber im Herbst und Winter fängt es sicher wieder an. Doch dann - hoffentlich -  gehe ich spazieren, weil ich es will und nicht, weil ich es wegen Corona wieder muss.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com