Wenn Berlin nur piano schwingt: Warum ich in den Sommerferien niemals verreise

Unsere Autorin weiß die Stadt außerordentlich zu schätzen, wenn viele Hauptstädter in den Urlaub gefahren sind.

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Das Ischtartor im Pergamon-Museum: Es wird jetzt viele viele Jahre nicht zu sehen sein. Also muss man nochmal hin.
Das Ischtartor im Pergamon-Museum: Es wird jetzt viele viele Jahre nicht zu sehen sein. Also muss man nochmal hin.Schöning/imago

Wenn in Berlin Sommerferien sind, bleibe ich in der Stadt. Denn nie ist Berlin angenehmer und stressbefreiter als in den Wochen, in denen gefühlt ein Drittel der Hauptstädter ausgeflogen oder weggeflogen ist. Die Straßen sind leerer, die Autofahrer etwas weniger aggressiv und  Radler können nicht so schnell, wenn ihnen zu heiß ist. Berlin schwingt in den Sommerferien piano - lässt man die von Touristen vereinnahmten Orte links liegen. 

Klar, wer mit Schulkindern reisen will, kann das nur in den Ferien. Mir wird jedoch schon schwindelig, wenn ich lese, dass der BER in dieser Zeit 3,5 Millionen Fluggäste erwartet und sich dafür „gut aufgestellt“ wähnt. Diese Worte in Gottes Gehörgang. Auch ich wünsche allen Reisenden eine problemlose Abfertigung, wenn ich an sie denke, während ich abends nach Feierabend noch an einen Brandenburger See fahre. Und die Gemächlichkeit eines märkischen Sommerabends genieße.  

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Aber auch in Berlin wird während der Ferien mehr gebummelt. Wer zuhause geblieben ist, erlebt Menschen, die ihre notorische Hast ablegen, sogar mal ein freundliches Lächeln andeuten und nicht gleich losbrubbeln, wenn man vor ihnen auf der Treppe zur S-Bahn Bahn vor sich hin träumt. In den Sommerferien-Wochen, so scheint es mir immer, zeigt unsere Stadt selbst ihr Urlaubsgesicht, so als wolle sie die Daheimgebliebenen etwas trösten. 

Bevor das Museum lange schließt noch einmal das Ischtartor bewundern

Für diese Ferien habe ich mir vorgenommen, noch einmal ins Pergamonmuseum zu gehen, da es ab Herbst für eine sehr lange Zeit schließt. Dreieinhalb Jahre müssen alle Besucher draußen bleiben. Der südliche Gebäudeteil soll den Planungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zufolge gar erst 2037 wiedereröffnet werden - tatsächlich in 14 Jahren. Weil bekannt ist, dass solche Zeitangaben in Berlin immer mit einigem Wunschdenken verbunden sind, will ich noch einmal das Ischtartor im Museum anschauen. Das letzte Mal habe ich diesen imposanten Nachbau eines  einstigen Stadt-Tors von Babylon bewundert, als ich noch Schülerin war. Ich hoffe nur, dass nicht all zu viele Berlin-Besucher die gleiche verwegene Idee haben.     

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Vorbeischauen will ich auch am Berliner Kulturforum in Tiergarten, das bislang als eine der tristesten Betonwüsten der Stadt galt. Doch gerade wird es zu einer Grünanlage. 200 Bäume sollen die Installation „Baumschule Kulturforum“ bilden. Schattige Sitzgelegenheiten und künftig von Wein überwachsene Laubengänge sind versprochen. Das muss man sich doch als Berliner mal anschauen.

Eine Mitarbeiterin des atelier le balto beschneidet auf der Piazzetta des Kulturforums im Rahmen der Aktion "Baumschule Kulturforum" junge Laubbäume. Zwischen Neuer Nationalgalerie, St. Matthäus-Kirche, Kunstbibliothek, Kupferstichkabinett, Gemäldegalerie, Kunstgewerbemuseum, Berliner Philharmonie und Musikinstrumenten-Museum entsteht im Sommer 2023 die Rauminstallation Baumschule Kulturforum.  
Eine Mitarbeiterin des atelier le balto beschneidet auf der Piazzetta des Kulturforums im Rahmen der Aktion "Baumschule Kulturforum" junge Laubbäume. Zwischen Neuer Nationalgalerie, St. Matthäus-Kirche, Kunstbibliothek, Kupferstichkabinett, Gemäldegalerie, Kunstgewerbemuseum, Berliner Philharmonie und Musikinstrumenten-Museum entsteht im Sommer 2023 die Rauminstallation Baumschule Kulturforum. Sören Stache/dpa

Ob die neuen Parkmanager das schaffen?

Und wenn dann noch Raum für Neues bleibt, besuche ich vielleicht eine der Sprechstunden der  Parkmanager des Unternehmens Think-SI3 auf, die nach einer Neuausschreibung des Bezirks Pankow die Betreuung von  Mauerpark sowie Schloss- und Bürgerpark übernommen haben. Sie sollen sich um Müllbeseitigung, Vermeidung von Lärm, Leinenpflicht für Hunde und Radfahrverbote kümmern. Dauerbrenner-Themen das ganze Jahr über. Bin gespannt, wie sie diese Herausforderungen managen wollen.

Und danach trinke ich im Schlosspark am Kuchenwagen, an dem es sonst vor komplizierten Großstädtern nur so wimmelt, ganz entspannt einen Kaffee. Und hoffe auf viele weitere Ferientage in Berlin. Denn eines ist sicher: Ich verreise allerfrühestens dann, wenn in den Läden die ersten Pfefferkuchen in den Auslagen liegen.