Am Sonnabend saßen am Kreuzberger Urbanhafen viele junge Menschen und genossen Sonne und einen strahlend blauen Himmel. Berliner KURIER/Markus Wächter

Am Freitag auf dem Markt. Ich kaufe für die Nachbarin und uns ein. Gemüse, Käse und dann noch ein paar Salate beim Thüringer Fleischer. Die Verkäuferin reicht mir die Tüte über den Tresen und sagt: „Da ist es, das Schlemmerpaket fürs schöne Wochenende.“ Freundlich gemeint, aber innerlich erstarre ich etwas. Kann man das haben in diesen unbegreiflichen Zeiten, ein schönes Wochenende?

In der Ukraine wird der Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin immer brutaler, die Bilder von verstörten blutenden Frauen aus einer angegriffenen Geburtsklinik in Mariupol brennen sich ins Gedächtnis ein. Andere Fotos auch. Fast drei Wochen schon leiden die Menschen in einem Land, das etwa 2000 Kilometer von uns entfernt ist. Zwei Flugstunden nur. Eine Kurzurlaubs-Distanz.

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Die Menschen fliehen vor dem unbarmherzigen Krieg in ihrem Land zu Hunderttausenden. Viele von ihnen sind inzwischen auch in Berlin. Wir KURIER-Redakteure beschreiben ihre Schicksale, erzählen von ihrer Verzweiflung und rufen zu Solidarität auf. Wir analysieren den Krieg und begleiten engagierte Ehrenamtliche in der Hauptstadt. Ich frage mich, reicht das aus? Können wir ansonsten so leben wie vor dem 24. Februar?

Bürgermeisterin Franziska Giffey schlägt Alarm

In der vergangenen Woche waren es mehr als 10.000 Menschen täglich, die in unserer Stadt ankamen. Unsere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey schlägt Alarm. Am Freitag sagt sie: „Wir werden schlicht vom Geschehen überholt.“ Deswegen sei entscheidend, dass Berlin Unterstützung des Bundes bekomme – sowohl für die Registrierung der ukrainischen Flüchtlinge als auch mit Blick auf die bundesweite Verteilung.

Die bisherigen Hilfen reichten noch nicht. „Wir gehen davon aus, dass jeden Tag weitere 15.000 Menschen in Berlin ankommen.“ Es habe sich gezeigt, dass die Flüchtlinge versuchen, in die bekanntesten deutschen Städte zu kommen. „Berlin ist das beliebteste Ziel.“

Inzwischen wurde das Messegelände für die Menschen geöffnet. Für Ankommende, die keinen Platz in einer regulären Unterkunft bekommen haben, sagt Giffey. Über weitere Unterkünfte denkt sie nach. Fünf seien bereits fest geplant. Es werde sogar überlegt, ein stillgelegtes Terminal am Hauptstadtflughafen BER im brandenburgischen Schönefeld als Notfallunterbringung zu nutzen.

Auch der ehemalige Flughafen Tempelhof wird laut Giffey dafür in Betracht gezogen. Daneben öffnen Pfarrer Gemeinderäume für aus der Ukraine kommende Menschen. Berliner haben Frauen mit Kindern liebevoll bei sich aufgenommen. Das aber kann nicht jeder.

Es erscheint vieles so trivial angesichts des Krieges

Ich frage mich, ob es in diesen Zeiten ausreichend ist, eine Spende zu überweisen, in Berlins Mitte gegen den Krieg zu demonstrieren oder am Hauptbahnhof ein Hilfspaket abzugeben. Können wir danach wieder zur Tagesordnung übergehen? Das erleben und erledigen, was normalerweise unseren Alltag ausmacht? Einen entspannten Frühlingstag bei strahlend blauem Himmel im Park verleben?

Müttern mit Kinderwagen beim Flanieren zusehen? Primeln aufs Fensterbrett setzen, planen, wie der Buchsbaumzünsler in diesem Sommer im Garten bekämpft wird oder in einem Club tanzen gehen? Darf man sich auf einen  Theaterbesuch freuen? Die Corona-Politik angesichts wieder steigender Infektionszahlen für zu zögerlich halten? Oder wegen eines Zipperleins zum Arzt gehen?

Vom Krieg nur geträumt?

Das erscheint mir alles so trivial angesichts der Katastrophe, die vor unserer Haustür tobt. Eine Freundin erzählt mir, sie habe geträumt, dass sie den Krieg nur geträumt habe. Am nächsten Morgen war er dann aber doch wieder da, der Krieg.

Was bleibt, ist auch ein Gefühl von Ohnmacht. Und die Befürchtung, dass sich mit der Dauer des Krieges auch Gewöhnung einstellt. Am Sonntag bin ich dann zur Friedens-Demo gegangen. Aber keine Ahnung, ob das hilft.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com

Menschen stellen sich in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol an, um Wasser zu bekommen. Das Foto stammt vom 9. März. AP Photo/Evgeniy Maloletka