Dieser auffällige Oldtimer-Bus steht regelmäßig auf Märkten in Berlin und Brandenburg. Russian Busshop Berlin

Vorletzter Einkauf vor Weihnachten. Im Center ist es voll und laut. Die Menschen sind trotz 2G-Bändchen am Handgelenk genervt und dünnhäutig.

Das merke ich besonders, wenn jemand meinen Corona-Abstand für das Ende einer Schlange hält. Wie die ältere Dame, die sich vorwurfsvoll blickend unbeirrt am Zeitungsladen vordrängelt. Ich lass sie. Weil sie dann auch einen Berliner KURIER kauft, bin ich gedanklich wieder ganz versöhnt mit ihr.   

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Dennoch will ich hier nicht bleiben, wechsele lieber auf den Wochenmarkt nahe der Pankower Pfarrkirche. Da gibt es Gemüse von Brandenburger Bauern, Gurken aus dem Spreewald und Wurst aus Thüringen. Enten-Rillettes aus Frankreich und bayerischer Käse finden den Weg in meinen Rucksack. Hinzu kommen bunte Lutscher aus Polen und bei den Mittelmeerspezialitäten gesellt sich auch noch Hummus dazu. Am Stand der Vietnamesen kaufe ich zum Fest passende rote FFP2-Masken und am asiatischen Imbiss esse ich eine Suppe. Ganz schön viel Welt auf diesem kleinen Markt, denke ich mir dabei.  

Ein russischer Laden auf Rädern auf dem Wochenmarkt 

Dennoch fehlt mir noch was Besonderes, etwas, das den Päckchen für die Lieben einen letzten Pfiff gibt. Da entdecke ich am Ende des Marktes den auffallenden gelben Oldtimer-Bus. „Русский магазин на колёсах“ steht dran. Ich versuche zu übersetzen: Russischer Laden auf Rädern. Das auffällige Fahrzeug macht regelmäßig Station auf Märkten in Berlin und Brandenburg. Auch hier in Pankow habe ich es schon gesehen, aber heute steige ich ein. 

Innen ist das Gefährt über und über mit Regalen versehen, darin viele alte Bekannte: Sprotten in Öl, jede Menge Wodka, Kaviar, echter und falscher, tiefgefrorene Pelmeni, Moskauer Eis. Und viele Schachteln sind gefüllt mit russischem Konfekt. Schon die bunten und funkelnden Verpackungen jedes einzelnen Stücks sind eine Wucht. So sehen wohl Kinderträume aus. 

Weil ich die Schildchen unter den Schachteln etwas unentschlossen betrachte, erklärt mir die freundliche Hausherrin des Oldtimers die Unterschiede zwischen den einzelnen Sorten, Haselnuss hier, Krokant da und Toffee dort hinten. Ich aber habe nur noch Augen für das Konfekt namens: „Mischka-Kosolapij“ – der linkische Bär. Sein Bonbonpapier ist das schönste von allen, das Gemälde darauf zeigt eine herumtollende Braunbärenfamilie – wie aus einem russischen Märchen.

Russisches Mischka-Konfekt.  zvG

Und plötzlich erinnere ich mich an etwas, das Jahrzehnte zurückliegt. Genau diese Pralinen gab es auch, wenn wir Kinder in meiner brandenburgischen Heimatstadt im Januar zum Jolka-Fest in der sowjetischen Garnison eingeladen waren. Da kam Väterchen Frost, es wurde gesungen, getanzt und genascht. Geschenke gab es natürlich auch. An Politik entsinne ich mich nicht.  

Mit diesen Bildern im Kopf bezahle ich die prall gefüllte Tüte. Glücklich ziehe ich mit ihr von dannen.  Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass sich auch meine Leute über das Mischka-Konfekt zum Fest freuen.  

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen friedliche und frohe Weihnachten. 

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com