Wahlkampfhelfer befestigen in Berlin Plakate an einem Laternenmast. Fotos: KURIER/Benjamin Pritzkuleit

Ich sehe aus dem Fenster, blicke nach links und mich schaut ein grauhaariger Mann von einem Plakat an der Laterne an. Er verlangt: „Erststimme Klaus Mindrup“. Drehe ich mich nach rechts, verspricht Klaus Lederer „Mit Euch mach ich das“. Und noch ein Stückchen weiter garantiert mir Rona Tietje „Ganz sicher Pankow“.

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Mein Bezirk ist dieser Tage in luftigen Höhen zugepflastert mit Wahlplakaten, wie in den 80ern meine einzige Jeans mit Flicken.  An fast jedem Laternenmast hängt ein Plakat, an manchen auch zwei, drei, vier. Muss ein Mordsaufwand für die Wahlkämpfer gewesen sein, das so zu arrangieren. Und jetzt sind die Flächen auch eine Verlockung für alle, die sich gern mit eigenen Worten öffentlich verewigen.

Die Laternenmasten sind zugepflastert mit Wahlplakaten 

Ganz zu schweigen von jenen, die Plakat-Aktivisten verprügeln, wie unlängst in Berlin geschehen. Und erst kürzlich berichtete der KURIER von zwei Frauen, die in Schöneberg mit einer Leiter hinauf zu einem Wahlplakat kletterten und es dann besprühten.

Da frage ich mich, was soll das? Nicht weil ich eine solche Tat auf das Heftigste verurteile. Ich will nur wissen, was das bringen soll? Plakat besprüht, Kandidat verliert Wahl. Oder wie?

Erinnern Sie sich noch an diese Plakatwerbung?

Darüber grübele ich sowieso angesichts all dieser bunten Plakate mit Gesichtern bekannter oder unbekannter Menschen. Sicht-Werbung heißt der Spaß offiziell, manchen gilt er aber auch als Mittel aus der Mottenkiste. Wird von Profi-Wahlkämpfern tatsächlich angenommen, wessen Gesicht am häufigsten in den Straßen zu sehen ist, der bekäme auch die meisten Stimmen? Nach dem Motto: Schmuck  gelächelt ist halb gewonnen. Ist das nicht eine leichtfertige Unterschätzung des Wählers? 

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Über finanzielle und Umweltfragen angesichts dieser Kartonagen-Katastrophe will ich gar nicht erst reden. Aber denkt auch jemand an die Sicherheit? Was ist, wenn doch mal jemand einen Kandidaten oder einen Slogan interessant findet und dabei vergisst, dass er oder sie mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs ist?

Model Anna Nicole Smith auf einem Werbeplakat der Modekette H&M in Berlin. Wegen dieses Motivs soll es damals in der Hauptstadt sogar Auffahrunfälle gegeben haben.  Foto: dpa

Erinnern Sie sich noch an die Plakate der Modekette H&M im Jahr 1993 mit dem Model Anna Nicole Smith? Notdürftig bekleidet räkelte sich die dralle Blondine an Bushaltestellen und ähnlichen Orten. Manche Betrachter sollen damals so irritiert gewesen sein, dass sie beim Vordermann auffuhren.  

Zugegeben, so aufregend sind die Plakate in meinem Bezirk nicht. Dennoch muss ich einräumen, dass ich mich ihren Offerten nicht immer entziehen kann. Meine Top-3 Slogans:  „Politik muss jetzt handeln“,  „Pankow kann Anders“, „Bereit, weil Ihr es seid“. Was soll man da antworten: „Immer bereit!“?

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com