Das Foto entstand am 10. Mai dieses Jahres in Petersdorf im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree: Ein Landwirt bearbeitet den trockenen Boden auf einem Feld. Dabei staubt es gewaltig. Brandenburg ist von Jahr zu Jahr mehr von Trockenheit betroffen. Das Land rund um Berlin leidet zudem unter den sandigen Böden, die Regen, wenn er denn mal fällt, schwer halten können. dpa/Patrick Pleul

Erinnern Sie sich noch an den Song „36 Grad und es wird noch heißer“ vom Berliner Popduo  2Raumwohnung? Als er 2007 erschien, widmete er sich nicht vorrangig dem Klimawandel, sondern es ging eher um ein besonders heißes Lebensgefühl. Heute scheint mir die Titelzeile jedoch aktueller denn je.

Ich stehe mit gebeugtem Rücken im brandenburgischen Garten und summe die Melodie dieses Titels vor mich hin. Dabei  befreie ich ein Beet von Gräsern und Unkräutern, ach nee, Wildkräuter sagt man ja heute, die ich hier nicht brauchen kann. Denn wir wollen heute Kartoffeln legen. Bisschen spät im Jahr dafür, ich weiß. Doch sie werden es schon noch schaffen.

Im Herbst gibt es nichts Besseres als selbst geerntete Kartoffeln. Was für ein Glücksgefühl, wenn man in der Erde nach den Knollen sucht und dann tatsächlich welche findet. Und Kartoffeln aus dem Garten schmecken selbstredend besser als gekaufte.

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Gerade habe ich im Radio gehört, dass Berlin im Frühling 2022 das trockenste Gebiet Deutschlands war. Es fielen von März bis Mai nur 55 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) berechnete. Im langjährigen Mittel sind es etwa 132 Liter pro Quadratmeter. In Brandenburg waren es nur 60 Liter, das Land bringt es damit im Trockenheits-Ranking auf den zweiten Platz. Mit örtlich weniger als 40 Litern pro Quadratmeter leiden Uckermark und Oderbruch noch heftiger unter der Dürre.

Die Erde im Garten staubt vor sich hin

Die Bilanz der Meteorologen bestätigt mir nur, was ich im Garten sehe. Die schwarze Erde, die meist einen fetten und feuchten Eindruck macht, staubt schon fast vor sich hin, wenn sie umgegraben wird. Zaunwinde, Günsel und Giersch sind so trocken, dass sie sich viel leichter aus der Erde zupfen und ziehen lassen, als ich das sonst kenne. Es scheint, es sei selbst den genügsamen Wildkräutern zu trocken. Und das, obwohl der Sommer gerade erst beginnt.

Heute ist es im Garten mit mageren 15 Grad Celsius zwar vergleichsweise kühl, aber die Durchschnittstemperatur lag in diesem Frühling in Berlin mit 9,9 Grad über dem vieljährigen Mittelwert von 8,7 Grad. Die Sonne schien mehr als 680 Stunden (langjähriges Mittel 507 Stunden). Für Brandenburg errechneten die DWD-Experten eine Durchschnittstemperatur von 9,1 Grad – ebenfalls deutlich über dem vieljährigen Mittel von 8,2 Grad. Außerdem schien in Brandenburg auch deutlich länger die Sonne – nämlich 685 Stunden. Es war in diesem Frühling bei uns also ein weiteres Jahr zu trocken und sonniger als anderswo.

Das Gras auf dem Mittelstreifen der Altonaer Straße ist fast völlig verdorrt, es hat zu selten geregnet. Fotografiert im vergangenen Jahr, aber vielerorts sieht es inzwischen schon wieder ähnlich aus – und das, obwohl der Sommer gerade erst beginnt. Sabine Gudath

Wer dieser Tage über Land fährt, kann hinter Traktoren riesige Staubwolken sehen. In der Stadt sind mancherorts die Gräser auf den Mittelstreifen schon ganz braun, weil sie schon im Mai verdorrt sind. Bald wird es auch wieder dringende Appelle an alle Berliner geben, die Straßenbäume mir privatem Gießen vor dem Verdursten zu retten.

In der brandenburgischen Region Strausberg-Erkner wird Wasser bereits rationiert. Eine Bekannte, die nahe Grünheide wohnt, erzählt mir, es stehe eine große Familienfeier mit Verwandtenbesuch, Übernachtungen und allem Pipapo an. Sie sorgt sich nicht nur darüber, wie sie die Gäste bestens versorgt, sondern fragt sich auch, ob sie sich mitsamt der großen Besucherschar an das Wasserkontingent halten kann. Für mich klingt es noch ein bisschen wie aus einem dystopischen Film. Genau wie die jetzt immer wieder zu hörende Behauptung, dass Brandenburg in den kommenden Jahren immer weiter versteppen wird.

Inga Humpe von 2Raumwohnung sagte schon im Jahr 2020 in einem Interview, das Duo habe sein berühmtes Lied umgetextet. Es hätten ihr zwei Schülerinnen geschrieben, so erzählte Humpe, ob sie den Text nicht ändern könnte. Das habe sie dann gemacht. In einem der Refrains singe sie nun „36 Grad und es wird immer heißer / unser Beat wird nie mehr leiser / nur ein halbes Grad noch bis zur Katastrophe / die Welt singt schon die letzte Strophe“. Angesichts dessen kann es mich kaum trösten, dass zumindest unsere Kartoffeln auch mit wenig Regen zurechtkommen.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com