Im Herbst 1982 traten Karat als erste DDR-Band in der ZDF-Hitparade auf.
Im Herbst 1982 traten Karat als erste DDR-Band in der ZDF-Hitparade auf. Imago/Arthur Grimm

An Geburtstagen werden oft Erinnerungen wach. Als ich meinen vor kurzem feierte, erinnerte ich mich, wie mir meine Oma vor 40 Jahren, als ich 16 wurde, mir ein Musikheft aus dem Westen schenkte, das sie nach einem West-Berlin-Besuch über die Grenze geschmuggelt hatte. Nicht die „Bravo“, sondern das Konkurrenzblatt  „Popcorn“, auf dessen Cover die junge Nena zu sehen war, als Poster meine Lieblingsband AC/DC zeigte und in der Plattenkritik das „Creatures oft the Night“-Album von KISS auftauchte, das nun wieder neu erschienen ist.

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Was mich aber am meisten überraschte: In dem Heft war ein Interview mit Karat. Zunächst war ich darüber verärgert: Da schenkt mir meine Oma ein Magazin aus dem Westen und ich muss darin etwas über eine Ost-Band lesen! Doch dann erfüllte es mich mit Stolz, dass es die Jungs von Karat geschafft hatten, in diesem Heft zwischen den ganzen West-Stars mit dabei sein zu können.

Ich erinnere mich noch an das Foto. Es zeigte die Band in einer Schwarzweiß-Aufnahme vor ihrem großen Mercedes-Tourbus. Im Interview ging es neben der Frage, ob jemand unter den Begleitern der Tour bei der Stasi sei (Karat verneinte es) vor allem um das Album „Der blaue Planet“, das 1982 in beiden Teilen Deutschlands erschienen war und gerade die Musikwelt im Westen aufmischte.

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In dieser Besetzung entstand das Album „Der blaue Planet“: Bernd Römer, Herbert Dreilich, Ulrich Ed Swillms, Henning Protzmann, verdeckt am Schlagzeug sitzt Michael Schwandt.
In dieser Besetzung entstand das Album „Der blaue Planet“: Bernd Römer, Herbert Dreilich, Ulrich Ed Swillms, Henning Protzmann, verdeckt am Schlagzeug sitzt Michael Schwandt. Imago/Gueffroy

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Die Band, damals noch mit Herbert Dreilich am Mikro (starb 2004), wurde in der Bundesrepublik zu jener Zeit geradezu überhäuft mit Preisen. Mit „Der blaue Planet“ eroberte Karat die Top-Ten der Album-Verkaufscharts, erhielt als erste DDR-Band eine Goldene Schallplatte im Westen Deutschlands. City hatte dies nur mit „Am Fenster“ Jahre zuvor in Griechenland geschafft.

So erschien das Album Der blaue Planet im Westen beim Teldec-Label Pool.
So erschien das Album Der blaue Planet im Westen beim Teldec-Label Pool. privat/Teldec

Vergoldet wurde auch die Single „Jede Stunde“ aus dem „Blauen Planet“-Album. Und Karat waren damit in jeder wichtigen Musik-Sendung des Westfernsehens. In der „Disco“ (ZDF) mit Ilja Richter fing es an – und dann hatten Herbert Dreilich und Co. mit diesen Song als erste DDR-Künstler ihren Auftritt in der ZDF-Hitparade und in „Wetten, dass..?“.

Das Ost-Cover von „Der blaue Planet“
Das Ost-Cover von „Der blaue Planet“ Amiga

Karat bei „Wetten, dass..?“: Die DDR-Band trat in der Mega-Show des Westens auf

Der damalige Show-Moderator  Frank Elstner musste sogar die Band noch dem Publikum richtig vorstellen und einen Irrtum aufklären, als er am Keyboard von Karat-Legende Ed Swillms stand. „Ed ist der Komponist des wunderschönen Liedes ,Über sieben Brücken musst du geh'n‘“, sagte er. Den Karat-Song hatte 1980 Peter Maffay gecovert und im Westen zum Hit gemacht. Nur wenige wussten, dass das Lied von der DDR-Band  stammte.

Mit dem „blauen Planeten“ hatte eine Ost-Band die Charts im Westen gestürmt, wurde sogar mit dem Musikpreis „Goldene Europa“ geehrt. Der Titelsong des Albums, ein Friedenslied, das heute nach meiner Meinung wieder sehr aktuell ist, hatte es in der damaligen Hochzeit des Kalten Krieges geschafft, den Osten und den Westen eines geteilten Landes wenigsten über die Musik zu vereinen.

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Beim Auftritt für das Album „Die sieben Wunder der Welt“ bekam Karat im Westfernsehen (1984) die Goldene Schallplatte für „Der blaue Planet“ überreicht.
Beim Auftritt für das Album „Die sieben Wunder der Welt“ bekam Karat im Westfernsehen (1984) die Goldene Schallplatte für „Der blaue Planet“ überreicht. Imago/United Archives

Denn auch in der DDR war das Album ein Mega-Hit, gehörte mit über 1,3 Millionen verkauften Platten zu der erfolgreichsten Amiga-LPs – nach Frank Schöbels „Weihnachten in Familie“. Und ich muss sagen, ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich diese Platte wieder höre.

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Live erleben kann man sie auch. Denn Karat sind anlässlich des 40. Jubiläum von „Der blaue Planet“ wieder auf Tour. Am Sonnabend (3. Dezember) spielt die Band in der Stadthalle Erkner (20 Uhr).

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com