Ein Glücksgefühl für jeden Pilzsammler - der Korb ist voll, geradezu übervoll. Foto: dpa/Patrick Pleul

Wer ist der ärgste Feind des Pilzsammlers? Der andere Pilzsammler. Dieses in unserer Familie geflügelten Wortes entsinne ich mich, als ich auf dem Weg zu meiner Mutter bin. Auf der Summter Chaussee nördlich von Berlin steht fast an jedem Weg ein Auto. Oder gar zwei. Ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass es Speisepilze im Wald gibt. Leider wissen das außer mir wohl jetzt schon viele andere.

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Auch im KURIER war dieser Tage schon von sprießenden Pilzen zu  lesen. Das fand ich etwas verdrießlich, denn im Wald belebt Konkurrenz das Geschäft nicht - je mehr Menschen unterwegs, desto weniger Pilze im Korb.

Der  August war in diesem Jahr gefühlt ein Herbstmonat, zwar noch milde Temperaturen, aber immer wieder Regen. Das mögen die von uns geliebten Pilze, dann lugen ihre Hüte rasch aus dem Boden. Die herbstliche Witterung verlagert in diesem Jahr in Berlin und Brandenburg offenbar auch das „Wir gehen in die Pilze!“ nach vorn. Der Oktober lässt grüßen. 

Kommt die Zeit von Maronen, Steinpilzen und Co. verändert sich der Geruch des Waldes. „Es riecht nach Pilzen“, sagen Kenner. Und ziehen los - in der Hoffnung auf Krause Glucke, Parasol oder Birkenpilz. Dazu gibt es viele Mythen, einer davon orakelt, Pilze wachsen besonders gut, wenn sich der Mond in  seiner zunehmenden Phase befindet.  

Durch die Kiefernkuscheln kriechen

Unabhängig von diesen Umtrieben des Mondes liebe ich diese letzte Pirsch, die dem Großstadtmenschen noch geblieben ist. Ein Gefühl dafür zu entwickeln, in welchem Wald wann an welchem Baum man fündig werden könnte. Langsam mit wachem Blick durch einen sonnendurchfluteten Buchenwald streifen, in gebückter Haltung durch die Kiefernkuscheln kriechen oder verbotenerweise einen Truppenübungsplatz besuchen.

Dann endlich einen Pilz erspähen, langsam annähern, umschauen, ob es an diesem Ort noch mehr gibt (Ein Pilz kommt selten allein!) und schnapp, ab in den Korb. Und danach den Boden über dem Myzel wieder etwas zusammenschieben - fürs nächste Jahr. Keine Jagd macht mich glücklicher als diese.

Natürlich kann ich in Berlin beim „Obstmann“ um die Ecke oder im Supermarkt bereits geputzte und geschnittene Steinpilze aus Polen oder Pfifferlinge aus der Ukraine kaufen. Aber das ist in etwa so, als wenn man die Tour de France im Fernsehen verfolgt und meint, man führe selbst Fahrrad. Zumal gemeinsames Pilze putzen eine sehr gesellige Angelegenheit sein kann. 

Das Sammeln liegt in den Genen

Den Spaß am Sammeln habe ich schon als Kind kennengelernt, doch wahrscheinlich liegt mir die Passion für das Abenteuer mit Körbchen und Messer in den Genen. Letztes Erbe aus der Zeit der Jäger und Sammler. Und wie diese damals haben echte Pilzfreunde auch heute „ihre Stellen“. Nie und nimmer würden sie diese einem Konkurrenten verraten. Pilzsammler müssen Egoisten sein.

Schlechte Laune macht es allerdings, wenn man an seinem sicheren Geheimtipp nur noch Pilzstümpfe vorfindet. Es war schon jemand da. Und der hat fette Beute gemacht. Weil ich das überhaupt nicht mag, kann ich es auch nicht leiden, wenn in der Zeitung etwas über Pilze steht.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com