Die Ostsee ist noch immer die Badewanne der Berliner - doch wer hier baden will, muss erstmal über die Autobahn. Foto: imago/Jens Koehler

Andreas Scheuer hat erneut geheiratet, wie der KURIER gerade erst berichtete. Auf meine Glückwünsche muss er leider verzichten, denn ich bin gerade ziemlich sauer auf den Bundesverkehrsminister. Und das kam so.

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Endlich ging es für mich vergangene Woche mal wieder in Richtung Badewanne der Berliner. Mit dem Auto. Ich fahre. Bisschen autobahnentwöhnt wegen der langen Corona-Einschränkungen. Aber voller Freude raus aus Berlin, immer gen Norden. Ostseeautobahn erreicht, ich fahre verhalten, aber zügig. Das Auto ist nicht neu und nicht alt, kein PS-Wunder, aber auch keine lahme Ente.

Ich überhole immer wieder, bin aber schnell zurück auf der rechten Spur

Immer im Ohr habe ich, was einer meiner lieben Cousins, ein LKW-Fahrer, mir gern predigt: Nie zwischen zwei Brummis und am besten immer in gebührendem Abstand zu diesen „Elefanten“. Also besser weit dahinter oder davor. Eingedenk dieser Warnungen überhole ich immer mal wieder, bin aber schnell wieder rechts unterwegs.

Denn ich erinnere mich auch noch mit gemischten Gefühlen an ein Essay der Schriftstellerin Monika Maron aus den 90er Jahren, in dem diese behauptete, der Ostdeutsche an sich nehme auf einer Autobahn immer die linke Spur, egal was hinter ihm los sei. Getreu dem Motto „Was man hat, das hat man", in diesem Fall die linke Spur.

Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Foto: dpa/Kay Nietfeld

So sah ich weder damals noch heute die Ostdeutschen und so fuhr ich auch noch nie. Glaube ich zumindest. Aber zurück auf die Strecke. Vor mir trödelt ein Kombi mit aufgeschnallten Fahrrädern. Hinter mir ist frei, bis auf einen klitzekleinen Punkt - weit hinter mir. Ich setze an, den Fahrradkombi zu überholen.

Ich bin froh, dass wir das Meer unversehrt erreicht haben

Doch urplötzlich ist aus dem Pünktchen am Horizont ein schwarzer Ferrari geworden, der mir schon bedrohlich nahe ist. Zu nahe. Ich kehre flugs auf die rechte Spur zurück. Gerade noch geschafft. Sonst hätte mich dieses rasende Ungetüm wohl „uffjeroocht“, wie man in Berlin sagt. Aus wärs gewesen mit dem Ostsee-Traum.

Meine Freundin schreckt aus dem Beifahrersitz hoch und sagt: „Hier ist doch die Geschwindigkeit freigegeben.“ Heißt: Der darf das. Hier mit geschätzt 270 km/h oder mehr unterwegs sein, als gäb’s kein Morgen mehr. Und Autofahrer müssen so einen wie den auf zwei Drittel der deutschen Autobahnstrecken immer einkalkulieren.

Das ist so, weil der Verkehrsminister ein Tempolimit von 130 km/h seit Jahren strikt ablehnt. Ich bin erstmal froh, dass wir noch leben und das Meer unversehrt erreichen. Aber Andreas Scheuer kann ich nicht gratulieren. Zu nichts.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com