Der junge Kevin-Prince Boateng 2006 im Trikot von Hertha BSC. Imago/Contrast

Seit einigen Jahren gibt Hertha BSC wirklich kein gutes Bild ab. Seit Jahren läuft man bei der alten Dame den eigenen Ansprüchen und seit zwei Jahren auch plötzlich dem FC Union hinterher. Zahlreiche Trainerwechsel haben den Verein genauso wenig nach vorne gebracht, wie die Millionen von Investor Lars Windhorst. Und während die Mannschaft um den Berliner Jungen Kevin-Prince Boateng am Samstag darum bangt, noch in die Relegation zu müssen, läuft eine Serie auf dem Streaming-Portal Dazn, die zumindest vermuten lässt, dass auch alles anders hätte laufen können.

„Underground of Berlin“ ist die Fußball-Serie des Jahres

„Underground of Berlin“ heißt das Werk von Matthias Faidt und Marco Gundel, von dem seit dem vergangenen Wochenende die dritte Staffel läuft. Die Serie vollzieht die Karrieren von Kevin-Prince Boateng, Änis Ben-Hatira, Patrick Ebert, Chinedu Ede und Ashkan Dejagah nach – der goldenen Generation, die Mitte bis Ende der Nullerjahre bei Hertha zu Profis heranwuchs.

Es geht um die Fußballerischen Anfänge, den Aufstieg, aber auch die Rückschläge, die alle von ihnen in verschiedenem Ausmaß hinnehmen mussten. So verpasste Boateng aus disziplinarischen Gründen die U21-EM 2009, machte dafür aber die größte Karriere. Chinedu Ede verlor nach dem Tod seiner Mutter die Lust am Fußball, Änis Ben-Hatira wurde gar bereits in der Jugend bei Hertha aussortiert, startete erst beim HSV durch und kam zurück nach Berlin, als der Rest der Goldenen Generation bereits weitergezogen war.

Underground of Berlin zeigt auch Fotos und Videos aus der Kindheit von Ben-Hatira, Ede und Co. DAZN

Es geht dabei auch um das Auswachsen im Wedding. Das Spielen im Käfig, den Rassismus, dem die meisten der Protagonisten auch immer wieder ausgesetzt waren und bis heute sind.

Das macht „Underground of Berlin“ besser als andere Fußball-Dokus

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der Fußballer, doch die Serie begeht dabei nicht den Fehler, den die jüngsten Amazon-Produktionen „Inside Borussia Dortmund“ oder „Inside Bayern München“ machten. Sie sind kein reiner Fanservice, keine von den Protagonisten gesteuerte Geschichte, sondern eine ehrliche Aufarbeitung, die auch Boateng, Ben-Hatira und Co. vor die Frage stellt: Warum ist aus euch nicht mehr geworden? Doch sie geht auch mit Hertha und den Verantwortlichen ins Gericht, dass sie die Goldene Generation nicht gehalten haben.

„Underground of Berlin“ versucht ein komplexes Bild der einstigen Hertha-Kicker zu zeichnen, das weit über die Fußballer hinausgeht und versucht, Menschen zu zeigen. Chinedu Ede berichtet, dass er nach dem Tod seiner Mutter Drogen verkaufte, obwohl er schon Profi war. Es kommen Weggefährten aus der Jugend zu Wort: Einige waren im Knast, andere – wie Schauspieler Frederick Lau oder Rapper Massiv – spielen in der Serie „4 Blocks“ mit. Für die fußballerischen Einschätzungen sorgen unter anderem Zecke Neuendorf, Matthias Sammer, Fredi Bobic oder sogar Michael Preetz.

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Es ist eine Serie, die mich mit ihren Bildern aus den Stadien, aber auch aus den Straßen Berlins so richtig abgeholt hat. Ich war gefesselt von der Geschichte dieser Sportler, die alle ungefähr mein Jahrgang sind, die ich alle als Fußballer bewunderte und teilweise auch im Lauf der Zeit auch persönlich interviewen konnte. „Underground of Berlin“ ist ein Stück Fußballgeschichte, das man sehen sollte, auch wenn man kein Fan von Hertha BSC ist. Die Geschichte von Boateng, Ede, Ebert, Ben-Hatira und Dejagah ist trotzdem spannend genug.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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