KURIER-Autor Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag über das Fernsehen. Foto: Imago/Westend61

Das Fernsehen hat keinen guten Ruf. Vor einigen Jahren habe ich einmal im Internet eine Liste entdeckt, die Tätigkeit in schlau und dumm eingeteilt hat. Einmal dürfen Sie raten, wo das Fernsehen gelandet ist. Dabei ist das erstens ziemlich von oben herab geurteilt und zweitens eine – obacht – ziemlich dumme Verallgemeinerung. Das Fernsehen: was ist das schon? Es gibt unzählige Sender und Streaming-Dienste mit unzähligen verschiedenen Formaten. Und jede findet ihr Publikum.

Fernsehen bildet gesellschaftliche Realitäten ab

Neben den Nachrichten, die selbst die ärgsten TV-Feinde noch zugeben zu schauen, gibt es Dokumentationen, Filme, Serien, Unterhaltungsshows, Reality-TV, Talkformate und ja sogar Sendungen, die einen Haufen Goldschürfer dabei begleiten, sich im tiefsten Alaska gegenseitig anzuschreien.

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Ich weiß schon, was Sie jetzt sagen: Wieso sollen mich ein paar schlecht rasierte Amerikaner, deren von Schimpfworten gespickte Aussagen ohnehin meistens überpiepst werden, denn schlau machen? Doch der Anspruch wäre vielleicht ein bisschen übertrieben. „Goldrausch in Alaska“, so heißt die Sendung, soll wie so viele andere Programme auch schlicht unterhalten. Und dennoch zeigen sie eine Welt, in die die meisten Menschen in Deutschland sonst nie abtauchen würden.

Bianca Balintffy und Paco Herb gewannen die fünfte Staffel von „Love Island“.  TVNow

Der „Goldrausch in Alaska“ und die Dating-Show „Love Island“ helfen dabei, über den Tellerrand zu schauen und bilden dabei wie auch Filme, Serien und sogar die Werke von Goethe und Schiller gesellschaftliche Realitäten ab, sind ein Zeitzeugnis. Während letztere aber beinahe als intellektuell gelten, Filme gerade noch als erträglich eingestuft werden, sind besonders Reality-Formate stark im Verruf. Trash-TV werden sie genannt, auch der Begriff HartzIV-TV fiel in der Vergangenheit. Wie diskriminierend das ist, muss ich nicht erwähnen.

Schiller hätte vielleicht auch „Love Island“ produziert

Ich gucke gerne Fernsehen und auch, wenn es immer, an jeder Stelle und in jedem Format Verbesserungspotenzial gibt, lasse ich mich auf die meisten Formate ein. Denn zwischen bärtigen Goldsuchern, bikinitragenden Singles und pöbelnden TV-Köchen gibt jede Menge zu entdecken. Es sind Geschichten über Menschen und wie sie miteinander umgehen, genau wie bei Goethe und Schiller. Und auch wenn Goethe als alter Spießer wahrscheinlich zu den TV-Gegnern gehört hätte, bin ich mir sicher, dass Schiller, würde er denn heute leben, auch Fernsehen machen würde. Ob als Regisseur eines Oscar-Filmes oder Showrunner bei „Love Island“ bleibt Ihrer Fantasie überlassen.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.