Die Serie „Squid Game“ ist ein absoluter Hit auf Netflix. Netflix/Noh Juhan

Obwohl die südkoreanische Serie „Squid Game“ nicht im linearen Fernsehen, sondern auf der Streaming-Plattform Netflix läuft, kommt aktuell niemand so richtig an ihr vorbei. Die Serie dreht sich um tief verschuldete Menschen, die zum Vergnügen wohlhabender Männer in tödlichen Spielen gegeneinander antreten. Die neunteilige Reihe ist eine bitterböse Kapitalismus-Kritik und dafür erstaunlich erfolgreich. Warum ist das so?

„Squid Game“ wurde im September veröffentlicht und brach alle Rekorde

Mitte September wurde die Serie von Hwang Dong-hyuk auf Netflix veröffentlicht, einen Monat später hat sie alle Rekorde gebrochen. Der Streaming-Dienst meldete, „Squid Game“ sei die erfolgreichste Produktion der Firmengeschichte. In den ersten vier Wochen hatten 111 Millionen Profile die Serie voller Tragik, schwarzem Humor sowie emotionaler und körperlicher Gewalt angeschaut.

Bei „Squid Game“ spielen 456 Kandidatinnen und Kandidaten um ihr Leben. Netflix/Noh Juhan

Menschen in der ganzen Welt sprachen über die Kraft der Bilder, die versteckten Easter Eggs. Kinder auf Schulhöfen, spielten das Spiel „Rotes Licht, grünes Licht“ aus der ersten Folge nach. An einer belgischen Schule wurden die Verlierer verprügelt – immerhin nicht erschossen, so wie in der Serie.

Und vielleicht ist es gerade das, was die Serie so beliebt macht. Sie bietet viele Anknüpfungspunkte. Wer will, kann in „Squid Game“ einfach eine brutale und spannende Serie sehen, oder eine blutige Aschenputtel-Geschichte. Einige finden die Spiele witzig, während andere die koreanische Produktion wegen ihrer Detailverliebtheit und zahlreicher versteckter Anspielungen, über die sie wild spekulieren können, lieben.

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Und dann gibt es auch noch die, die an „Squid Game“ hängen bleiben, weil die Serie ein Bild dessen zeichnet, was sie täglich erleben, ohne dass sie es in Worte fassen können. Denn das Problem der Ungleichheit, das der Treibstoff für diese Serie ist, besteht nicht nur in Südkorea, wo die reichsten 20 Menschen ein 166-mal höheres Nettovermögen haben, als die unteren 20 Prozent.

Das ist eine Entwicklung die alle kapitalistischen Staaten gemeinsam haben. In Deutschland besaß das obere Prozent im Jahr 2017 so viel wie die Ärmsten 75 Prozent der Bevölkerung zusammen. Corona hat diese Effekte noch verstärkt.

„Squid Game“ erzählt die Geschichte dieser Ungleichheit schonungslos und brutal. Die Spiele, bei denen es für die Kandidaten um Leben und Tod geht, seien auch nicht schlimmer, als das Leben, das sie außerhalb des „Squid Games“ erwartet, so die Botschaft. Denn dort haben die Kandidaten Schulden, sind Arbeitslos oder haben Jobs, in denen sie trotz Fleiß und Anstrengung einfach nicht genug verdienen, um ein Leben in Würde zu führen. Warum dann nicht darum spielen, schließlich geht es um 46,5 Milliarden Koreanische Won (rund 33,5 Millionen Euro).

„Squid Game“: Nur wer die Ellenbogen ausfährt, überlebt

Während der Spiele wird dieses Muster weiter aufgegriffen. Nur wer die Ellenbogen ausfährt, bereit ist, die anderen über die Klinge springen zu lassen, der überlebt. Und es wird klar: Auch die rot gekleideten Wärter sind nicht wirklich frei. Sie stehen zwar über den Kandidaten, doch auch sie werden überwacht, dürfen nicht miteinander sprechen, ihr Leben ist der Spielleitung nichts wert, wie sich mehrfach zeigt.

Bei „Squid Game“ wird ein Wachmann von seinem Vorgesetzten erschossen. Auch sein Leben ist nichts wert. Netflix/Noh Juhan

Sie wähnen sich in der Machtposition und sind doch nur Erfüllungsgehilfen der eigentlich Mächtigen. Das sind bei „Squid Game“ reiche VIPs aus aller Welt, die sich an den Überlebensspielen der Teilnehmer ergötzen und auf sie wetten.

Die Botschaft: Wer Geld hat, kann sich alles erlauben. Diesen Vorwurf erhebt Protagonist Gi-hun Seong auch in Folge zwei. In Korea ist das Wirklichkeit: Dort wurde erst kürzlich der wegen Bestechung verurteilte Samsung-Geschäftsführer Jae-yong Lee vorzeitig aus der Haft entlassen, da er wichtig für die Wirtschaft des Landes sei. Weltweit ist er sicher kein Einzelfall.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.