So sieht ein Sirenenwarnsystem auf einem Hochhaus im sächsischen Dresden aus. Auch in Berlin wird man bald wieder häufiger solche Anlagen sehen. Imago/Sylvio Dittrich

Als ich in einer Kleinstadt im Brandenburgischen zur Schule ging, heulten an jedem Mittwoch, um 13 Uhr, die Sirenen. Wöchentlicher Test des DDR-Zivilschutzes. Für uns war das einsetzende auf- und abschwellende Heulen vor allem ein freudiges Signal: Es ist bald 14 Uhr. Der Schulschluss naht.

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Das unheilvolle Geräusch hat aber bei dem einen oder anderen manchmal auch etwas Furcht ausgelöst. Ich zumindest hatte genau im Ohr, was meine Oma manchmal vom Zweiten Weltkrieg erzählte. Von gellendem Fliegeralarm und angstvollen Stunden im Bunker während Luftangriffen. Von Nächten, in denen erst Leuchtkörper vom Himmel fielen und danach Bomben.

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Meine Oma nannte die Leuchtbomben „Christbäume“

„Christbäume“ nannte meine Oma die Bomben, die die Nacht erhellen und Ziele sichtbar machen sollten. Dieser schöne Begriff für so etwas Schreckliches hatte sich mir eingeprägt und machte Angst. So war ein Teil ihrer Erinnerung schon zu meiner geworden, obwohl ich nie einen Krieg erlebt hatte.

Daran musste ich denken, als ich in der vergangenen Woche las, dass Berlin in der Stadt bis zu 400 Sirenen zur Warnung vor Katastrophen installieren will. Laut Senatsinnenverwaltung sind sie für dicht bewohnte Gegenden vorgesehen. Geplant war das ja wohl schon länger, nachdem der bundesweite „Warntag“ im September 2020 wenig grandios verlief. Damals hatte der Test des bundesweiten Frühwarnsytems vor Katastrophen nicht überzeugt.

Der Warntag im September 2020 war ein „Fehlschlag“

Vor allem die Warn-Apps „Nina“ und „Katwarn“ hatten schlecht funktioniert. Die Test-Meldungen erreichten die Menschen viel zu spät. Oder gar nicht. Das Innenministerium sprach von einem „Fehlschlag“.

Beim bundesweiten Warntag im September 2020 kamen auf den Handys viele Warnungen zu spät oder gar nicht an. imago

Nach dem Ende des Kalten Krieges war die Hoffnung auf immerwährenden Frieden groß. Von dieser glücklichen Annahme zeugt auch der Abbau der Sirenen in den frühen 90er-Jahren in vielen Orten, im Osten wie im Westen Deutschlands. Damals vermutete man, sie würden nie mehr gebraucht. Deshalb konnten sie entsorgt werden. Berlin hat heute laut Senat nicht eine einzige öffentliche Sirene.

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Doch nun ist Krieg in Europa. Die Frage danach, wie man Menschen vor katastrophalen Ereignissen warnen kann, wird drängender. In den ukrainischen Städten müssen die Menschen sich derzeit immer wieder nach Sirenengeheul vor todbringenden Angriffen in Sicherheit bringen. Ich hoffe, dass dann, wenn in Berlin wieder Sirenen auf den Dächern stehen, in der Ukraine endlich Frieden ist.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com